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Anna Gavalda: "Ich habe sie geliebt" (SZ)

Heul doch

Anna Gavalda massiert die Tränendrüsen: "Ich habe sie geliebt" (SZ, 17.03.03)

Formidable! Époustouflant! Génial! Frankreich hat nicht nur eine ähnlich hohe Nettohaushaltsverschuldung wie Deutschland, sondern auch seine literarischen Fräuleinwunder. Anna Gavalda gehört zu diesen Mademoiselles Miracle. Und weil die französische Literaturkritik generell einen Hang zu Sprechblasen aus dem Rosenwasserschaumbad und zu Patschuli-Beweihräucherungen hat, liest man über Gavaldas neuen Roman, er zeuge von einer besonderen „Intelligenz des Herzens“ und der gewissen „Musik einer Schriftstellerin“. Lauschen wir also der Musik dieses intelligenten Schriftstellerherzens.

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James Hamilton-Paterson: "JayJay" (Radio Kultur)

Die Toskana-Fraktion Ihrer Majestät

James Hamilton-Patersons Hochstapler-Roman "JayJay" (SFB, Radio Kultur)

Der englische Autor James Hamilton-Paterson spielt in seinem neuen Roman mit Biographien. Zuallererst mit seiner eigenen. Der nachnamenlose britische Schriftsteller James macht beim Einkauf in seinem toskanischen Kreativexil Bekanntschaft mit einem distinguierten älteren Gentleman. An der Kasse des Tante-Emma-Ladens bittet ihn der Herr mit den perfekten Umgangsformen kurzerhand, seine Biographie zu verfassen. Der forsche Gentleman ist sich seiner Sache sicher: „Schreiberlinge geiern ständig nach neuen Angeboten.“ Der Herr kennt sich aus. Die beiden Hügelnachbarn treffen sich regelmäßig bei Espresso und Panoramablick und werden Freunde. Wie prophezeit, schreibt der Schriftsteller James die Biographie des mysteriösen Raymond Jerningham Jebb, für Freunde kurz: JayJay.

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Marc Buhl: "Der rote Domino" (NZZ)

Der Dichterfürst der Finsternis

Marc Buhl kippelt am Goethe-Denkmal: "Der rote Domino" (NZZ, 12.03.03)

Das Studium der Geisteswissenschaften ist nicht immer ungefährlich für Körper und Geist. Die junge Germanistik-Studentin Bettina forscht über den Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz und entdeckt dabei Skandalöses über sein Verhältnis zu seinem Dichterfreund Goethe. Bettinas Archivfunde sind so brisant, daß sie spurlos verschwindet. Ihre Eltern beauftragen die Textkanzlei des akademischen Ghostwriters Udo Stahl, ihre Tochter wiederzufinden. Zusammen mit seinem Assistenten Drexler macht sich der abgeklärte Stahl auf die Suche nach der verschollenen Germanistin. Die beiden Textdetektive jagen bald einem Konvolut von kompromittierenden Briefen aus der Korrespondenz zwischen Goethe und Lenz hinterher. Diese Recherche führt Stahl nach Rußland, wo er bibliophiler Beutekunst nachspürt. Das Weimarer Goethe-Archiv stellt sich bald als ein zwielichtiger Apparat mit besten Verbindungen zur bibliophilen Russenmafia heraus. Die Geisteswissenschaften sind ein Thriller.

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Gerhard Henschel: "Die Liebenden" (SZ)

Die Liebe in den Zeiten der Märklin-Kataloge

Gerhard Henschel präsentiert einen Trumm aus dem Steinbruch der Geschichte: "Die Liebenden" (SZ, 07.03.03)

Anfang des Jahres 2000 besuchte der Satiriker Gerhard Henschel eines jener Literaturseminare, die der Schriftsteller Walter Kempowski regelmäßig in seinem Landhaus „Kreienhoop“ bei Hamburg veranstaltet. Das Seminar beim geduldigen Archivar am Echolot muß ein einschneidendes Erlebnis gewesen sein, denn zwei Jahre später gibt Henschel eine überwältigende Archäologie der deutschen Nachkriegszeit heraus. Seine großartige Familiensaga in bearbeiteten Originalbriefen steht ganz in der Tradition der dokumentarischen Collagen Kempowskis.

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Johann Gottfried Seume: "Briefe" (SZ)

Survival-Kit Theokrit

Ein Leben unter dem Zeichen des Vulkans: Johann Gottfried Seume in seinen Briefen (SZ, 07.02.03)

Johann Gottfried Seume (1763-1810) hatte Hummeln unterm Gehrock. Die Universität hält den Jüngling nicht lange. Er ist ein Ausreißer. Das Leben ist um so vieles interessanter als die Studierstube. Der Heißsporn liebt radikale Gesten und klare Schnitte. Wandern, weit ausschreiten, Luft holen. Er flieht von der theologischen Fakultät Leipzig, will nach Metz auf die Artillerieschule. Doch das Militär kommt ihm schon entgegen: Er wird von hessischen Werbern aufgegriffen und in englischem Sold gegen die Aufständischen nach Amerika geschickt.

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Tim Staffel: "Rauhfaser" (SZ)

Täglich lockt der Bildschirmschoner

Tim Staffel gleitet über Oberflächen: "Rauhfaser" (SZ, 11.01.03)

Paul ist Schriftsteller ohne Werk. Täglich lockt sein Bildschirmschoner. Umsonst. Paul schafft es nicht, ihn zu durchbrechen und den Raum dahinter mit Text zu füllen. Er hat Angst vor dem Sprung in die Sprachmatrix und ins Leben. Er igelt sich in der Rolle des unbeteiligten Beobachters ein. Die Medien werfen ein Leben aus zweiter und dritter Hand via Videobeamer an die Rauhfasertapete seiner Wohnung. Das Leben aus erster Hand spielt sich im Haus gegenüber ab: Dort zieht der schöne David ein, in den sich Paul sofort verliebt. Paul hat Übung im Fernsehen und Fernsehnen. Gerne nimmt der jüngere David Pauls Liebe entgegen, läßt sich eine väterlicher Hand aufs hübsche Haupt und hin und wieder sogar eine weniger väterliche auf den tätowierten Hintern legen, bleibt aber ansonsten nicht recht greifbar. Wenigstens nicht für Paul.

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Michael G. Stephens: "Brooklyns Totenbuch" (SZ)

Die Flasche meines Vaters

Michael G. Stephens hält eine irische Totenwache: "Brooklyns Totenbuch" (SZ, 04.12.02)

Der Kniff aller gewöhnlichen Familiensagas besteht darin, den Leser im Eilverfahren und ohne große bürokratischen Umstände zu adoptieren. Nach den ersten fünfzig Seiten kann er den Namen der neuen Eltern schon im Schlaf hersagen, nach weiteren zwei Kapiteln hat er sich auch an die kleine Schwester mit der quengeligen Stimme gewöhnt. Der Leser fühlt sich pudelwohl in seiner Wahlfamilie. Von den griechischen Götterdynastien über die Buddenbrooks bis hin zu den drolligen Waltons und Simpsons ist das Identifikationsmuster immer dasselbe. Doch die rauhbeinige irische Einwanderer-Familie Coole aus Brooklyn, die Michael G. Stephens in seiner Familienchronik porträtiert, zeichnet sich durch eine etwas kühlere Gastlichkeit aus.

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Andrew Vachss: "Born Bad. Stories" (SZ)

Wegpusten!

Der Anwalt Andrew Vachss greift in seiner Freizeit gern zur abgesägten Schrotflinte: "Born Bad" (SZ, 28.11.02)

Andrew Vachss ist Anwalt und ein Satansbraten. Zumindest inszeniert er sich gerne als ein solcher. Auf Fotos posiert er mit hechelnden Kampfhunden. Er selbst trägt schwarzen Anzug, Krawatte, weißes Hemd und blickt drein wie der Fürst der Unterwelt in Begleitung eines seiner Lieblingshöllenhunde. Auf seiner Website erzählt er die Geschichte all seiner adoptierten Hunde. Er liebt sie testosterongesättigt und ab einer Bißkraft von mindestens einer Tonne pro Fangzahn. Ausgesetzte Welpen rettet er von der städtischen Müllkippe. Das gibt ihm Ghetto-Credibility. Vachss erinnert an den gut gekleideten Vollstrecker mit der alttestamentarischen Gerechtigkeitsauffassung aus Quentin Tarrantinos Film „Pulp Fiction“. In Vachss´ Büchern herrscht das Gesetz des Talion: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Die Höllenhunde zeigen die Zähne und Vachss selbst trägt eine Augenklappe, womit er signalisieren möchte: Ein Auge habe ich bei dem harten Kampf da draußen schon verloren. Das wird mich und meine Hunde aber nicht davon abhalten, weiter zu kämpfen. Vachss hat die Psyche eines Terminators mit Helfersyndrom.

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Hallgrímur Helgason: "101 Reykjavik" (SZ)

Mutter Teresa auf der Babe-Skala

Hallgrímur Helgason schätzt alle Frauen: "101 Reykjavik" (SZ, 05.11.02)

Hlynur Björn ist dreiunddreißig und gern gesehener Dauergast im Wellness-Hotel Mama. Zwischen zwei Hardcore-Pornos klopft seine über alles geliebte Mutti an die dreiunddreißig Jahre alte Kinderzimmertür, um ihm eine Tasse heißen Kakao zu reichen. Kakao tut gut nach einer durchzechten Nacht in den Kaschemmen von Reykjavik. Der Vater ist Alkoholiker, die Mutter lesbisch, und weil Hlynur Björn nicht mit ihr ins Bett kann, schläft er mit ihrer Geliebten. Der isländische Ödipus kopuliert über Bande.

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Will Self: "Wie Tote leben" (SZ)

Im Hades ist die Hölle los

Will Self flucht aus dem Jenseits: "Wie Tote leben" (SZ, 24.10.02)

Lily Bloom ist Zynikerin, Kettenraucherin und tot. Aber das stört sie nicht weiter, denn das Leben ist nicht nur eine Plage, sondern auch nicht tot zu kriegen. Lily ist im Alter von sechsundsechzig Jahren an Krebs verstorben. Aber was heißt schon verstorben? Nach dem Tod geht eigentlich alles so weiter wie gehabt. Sartre irrte, das Spiel ist niemals aus. Das Totenreich erweist sich als ein grauer Londoner Vorort, in den man direkt vom Totenbett in einem Taxi chauffiert wird. Der Hades ist Suburbia, wo Spießer ihren shampoonierten Zerberus Gassi führen und sich nicht die Bohne dafür interessieren, ob sie selbst oder der neue Nachbar überhaupt noch leben. Beste Wohnlage für Zombies. Und das Schönste: Man kann nach dem Krebstod gleich weiterrauchen.

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