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Jack M. Bickham: "Short Story. Die amerikanische Kunst, Geschichten zu erzählen" (SZ)

Aristoteles Superstar

Jack M. Bickham hypnotisiert die Musen: "Short Story. Die amerikanische Kunst, Geschichten zu erzählen" (SZ, 16.09.03)

Der größte Hollywoodstar lebte von 384-322 v. Chr. und hieß Aristoteles. Seit in Kalifornien ein Drehbuchautor das erste Mal „FADE IN“ auf sein weißes Blatt Papier schrieb, macht man sich in Hollywood Gedanken darüber, welche Gesetze die darauf folgenden 120 Seiten regieren sollen. Unüberschaubar ist die Menge an Ratgebern, die sich zur Aufgabe gestellt haben, die Kunst des Drehbuchschreibens zu ergründen. Ausnahmslos gründen sie ihre Ästhetik auf die aristotelische Poetik. Die dramaturgischen Gesetze der antiken Tragödie sollen vor millionenschweren Fehlinvestitionen schützen. Die Matrix des Aristoteles wird als Generator für die Blockbuster von morgen benutzt. Aus den zahllosen Versionen einer vulgarisierten „Poietik“ entwickelte sich die amerikanische Creative-Writing-Bewegung, die Hollywoods Gesetze auch für den Bereich der belletristischen Prosa adaptierte. Wieder ist die Menge der Schreibanleitungen unüberschaubar, und es ist wahrlich schwer, noch eine Nische für ein neues Aristoteles-Remake zu finden. Jack M. Bickham ist es gelungen: er macht uns jetzt den Short-Story-Aristoteles.

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Friedmar Apel: "Das Buch Fritze" (SZ)

Im Zweifelsfalle Kalle

Ein Philologe prahlt mit seinem Alter Ego: Friedmar Apels "Das Buch Fritze" (SZ, 01.09.03)

Fritze ist nicht mehr zu retten. Der Mann hat Potential, doch ein böser Teufel reitet ihn. Was könnte Fritze nicht alles werden: Bauzeichner, Versicherungsmanager, ja vielleicht sogar Literaturwissenschaftler in Bielefeld wie sein Schöpfer Friedmar Apel. Aber in Fritze nagt die Sehnsucht nach dem ganz anderen Leben, nach Freiheit, Abenteuer und Rock ’n’ Roll. Und was rockt weniger als Bielefeld und Literaturwissenschaft?

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Annette Pehnt: "Insel 34" (mare)

Odyssee auf dem Müllfrachter

Annette Pehnt auf der Suche nach Utopia: "Insel 34" (mare, Nr. 40)

Alleskönner sind Langeweiler. Bei der Zeugnisvergabe haben sie ihren großen Auftritt, aber auf dem Pausenhof haben sie nichts zu melden. Zeugnisvergabe ist ein Mal im Jahr, Pausenhof jeden Tag. Während ihre Klassenkameraden knutschen lernen, pauken die hochtalentierten Langeweiler Integralrechnung. Keiner liebt die Alleskönner.

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Logan Pearsall Smith: "Trivia. Prosastücke und Aphorismen" (SZ)

Mit Schirm, Charme und Melpomene

Logan Pearsal Smith flaniert durch den philosophischen Themenpark: "Trivia" (SZ, 19.07.03)

Am 18. Oktober 1865 wird in Milville, New Jersey, der Schriftsteller geboren, der den wahrscheinlich besten vorletzten Absatz der englischen Literatur schreiben sollte. Logan Pearsall Smith siedelt nach England um und entwickelt sich zum Flaneur. Er verweilt nicht lange bei einem Sujet, sondern promeniert mit Schirm, Charme und Melone durch den Themenpark von Philosophie und Kunst. Was Baudelaire in Paris umtreibt, setzt ihn in London und Umgebung in Bewegung. Über die Conditio Humana grübelnd, bestaunt er seidene Halstücher in Londons Einkaufsstraßen, begutachtet den Schnitt der Buchsbaumhecken auf dem Lande und hält einen Schwatz mit dem Dorfpfarrer.

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Anne Weber: "Erste Person" (SZ)

Ego-Trip all inclusive

Anne Weber verschwindet in ihrem Bauchnabel: "Erste Person" (SZ, 01.07.03)

Am interessantesten bin immer noch ich. Hat sich Anne Weber gesagt und eine Pauschalreise ins Innere der ersten Person unternommen. Die erste Person Singular ist der Notnagel aller lose über den Schreibtisch hinwegassoziierten Feierabend-Causerien. Geht gar nichts mehr, geht immer noch ich. Es ist null Uhr null in der Schreibklause des erzählenden Ich. Die Querfeldein-Meditation über Identität, Sprache, Literatur und die Beschaffenheit der filigranen Ameisenflügeltextur setzt zur Geisterstunde ein und endet zur selben Zeit. „Erste Person“ ist ein Phantomtext. Die beiden Nullen diesseits und jenseits des kristallinen Fließquartzdoppelpunktes bespiegeln sich wie die Erzählerin.

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Iain Pears: "Scipios Traum" (SZ)

Popcorn, Cherry Coke und ein Sandalenepos

Iain Pears inszeniert einen Historienroman im Cinemascope-Format: "Scipios Traum" (SZ, 28.06.03)

Nach einem harten Tag ermüdender Kunstanstrengungen, nach regalübergreifendem hermeneutischen Großeinsatz und vier Trainingseinheiten zur Verfeinerung der ästhetischen Sinnesorgane darf den literarisch interessierten Zeitgenossen schon mal der Wunsch nach buntem Großleinwandspektakel in Dolby-C-Surround überkommen. Am schönsten ist das Vergnügen dann, wenn es in dem Monumentalschinken um bildungshungrige Ästheten, durchtrainierte Hermenteutiker und gebildete Feingeister in bildschöner Ferienlandschaft geht. Provence. Avignon, Vaison la Romaine, Aigues Mortes. Das Unterbewußtsein kramt schon nach dem Ferienhauskatalog. Ah, jetzt noch einen XXL-Sack gesalzenes Popcorn, zwei Kartuschen Pringles Sour-Cream und in jeder Armlehne eine eiskalte Cherry-Diet-Coke. Man versinkt im Plüsch, gemütlich quietscht der rote Samtvorhang zur Seite, noch ein letztes Mal die ewig kneifende Jeans zurechtgezupft, noch ein letzter prüfender Blick, ja, Diet-Coke. Es kann losgehen.

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Koen Brams (Hg.): "Erfundene Kunst. Eine Enzyklopädie fiktiver Künstler von 1650 bis heute" (SZ)

Mythico-Comico-Supersexy-High-Masala-Kunst

Eine "Enzyklopädie fiktiver Maler" von Koen Brams (SZ, 11.06.03)

Koen Brams, Direktor der Jan-van-Eyck-Akademie in Maastricht, hat zusammen mit 38 weiteren Enzyklopädisten die Weltliteratur durchkämmt und erfundene Maler aus Romanen befreit, um sie in ein Lexikon zu stecken. Nun sind über 280 widerspenstige Sonderlinge unter dem strengen Regiment des Alphabets vereint. Die geballte Macht der bildenden Kunst, gefiltert durch die geballte Macht der schreibenden Zunft. Genug Talente, um eine gähnend leere Himmelskuppel zu illustrieren. Aber auch genug Wirrköpfe, um sämtliche arbeitslosen Psychotherapeuten für eine gute Dekade zu beschäftigen. Meist reichen diesen Forschern des Absoluten die drei Dimensionen kaum aus: „Zu Coes Hauptwerk gehört eine Serie monumentaler Porträts in explosiv-kubistischem Stil, wobei der Porträtierte in dem Moment festgehalten wird, da sein Gehirn durch Kernspaltung zerplatzt – eine graue Rauchfahne symbolisiert die vierte Dimension.“

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Burkhard Spinnen: "Der schwarze Grat" (NZZ)

Outsourcing einer Biographie

Burkhard Spinnen schreibt die Geschichte des Unternehmers Walter Lindenmaier aus Laupheim: "Der schwarze Grat" (NZZ, 20.05.03)

Burkhard Spinnens neues Buch wurde mit einer PR-CD an die Buchhändler verschickt, auf der der Autor mit sonorer Stimme die Verkäufer für ihr Geschick lobt, sein letztes Buch „Belgische Riesen“ an den Mann gebracht zu haben: „Sie hingegen haben es offenbar verstanden, das Buch dem Lesepublikum richtig vorzustellen, sonst wäre es ja wohl nicht ein solcher Erfolg geworden.“ Spinnen tritt als suggestiver Kleinunternehmer auf. Erfolg, Verkaufsstrategien, Ökonomie: Das sind die Themen, die Spinnen im „Schwarzen Grat“ beschäftigen.

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Hans Pleschinski: "Bildnis eines Unsichtbaren" (NZZ)

Die Maske des schleichenden Todes

Hans Pleschinski verbindet Totenklage und Bildungsroman: "Bildnis eines Unsichtbaren" (NZZ, 12.04.03)

Das Leben sollte ein Fest werden. Barocke Fülle sollte regieren. Versaille, Hofkonzerte, Goldstickereien. Champagner, Gemälde, Causerien. Im Spiegelsaal wogte die Festgesellschaft unter Lüstern. Jeder sollte als Sonnenkönig im strahlenden Zentrum seiner eigenen Existenz regieren. Pracht, Überfluß und Sinnlichkeit sollten herrschen. Vor allem Sinnlichkeit. Doch dann kam Aids. Nun galt es, Contenance zu bewahren.

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Kathrin Schmidt: "Koenigs Kinder" (SZ)

Familienaufstellung im Speckgürtel

Kathrin Schmidt konstruiert ein dynastisches Puzzle: "Koenigs Kinder" (SZ, 18.03.03)

Kehlkopf-Schlitzer flickt sein Opfer!

Der Rechtsanwalt Marl findet an einer Tankstelle im Osten Berlins ein ausgesetztes Mädchen, dem die Kehle durchgeschnitten und wieder zusammengenäht wurde. Was gewöhnlich Stoff für Boulevardschlagzeilen ist, benutzt Kathrin Schmidt in ihrem neuen Roman als Anlaß zu einem großen Tableau komplexer, überkreuz konstruierter Psychostudien. Eine derart gewalttätige Romaneröffnung wirkt wie eine literarische Wette: Die Autorin engagiert sich, einen besonders gewagten Stoff einfühlsam zu gestalten. Kathrin Schmidt gewinnt diese Wette mit Bravour.

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