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W. Somerset Maugham: "Der Magier" (Einführung SZ-Bibliothek)

Der Zauberfleischberg

W. Somerset Maugham und das Große Werk: "Der Magier" (Einführung zu Band 34 der SZ-Bibliothek. Erscheinungsdatum: 06.11.04)

„Mr. Crowley, what went on in your head / Mr. Crowley, did you talk to the dead?“ meditiert der sagenhafte Ozzy Osbourne in einem Heavy-Metal-Song über den skandalösen Satanisten Aleister Crowley. Ähnlichen Fragen geht W. Somerset Maugham in seinem Roman „Der Magier“ nach. Maugham traf Mr. Crowley Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in Paris. Paris, eine Schwarze Messe fürs Leben! Crowley und Maugham wurden flüchtige Bekannte und frequentierten dieselbe feine Gesellschaft. Jahre später erreichte Maugham in London ein Telegramm Crowleys: „Bitte sofort fünfundzwanzig Pfund senden. Muttergottes und ich verhungern. Aleister Crowley.“ Maugham schickte keinen Penny. Weder an Crowley, noch an die Muttergottes. Dafür veröffentlichte er 1908 einen Roman über den schillernden Magier und Scharlatan.

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Axel Marquardt: "Anselm im Glück" (SZ)

Autoreferenzscherzkeks

Axel Marquardt gibt den Filou: "Anselm im Glück" (SZ, 30.07.04)

Der Anselm. Hochverschuldet, aber dennoch ein Bonvivant. Intellektuell verspielt, doch wohlgelitten auch bei den dumpf stierenden Suffbirnen unten in der Hafenpinte. Wundervoll, all die Hafenpinten mit ihren urwüchsigen Gestalten, die das Leben so anspült Kraft seines gewaltigen Springtidenhubs zwischen Daseinsflut und Sinn-Ebbe. Das Leben. Unser Anselm. Immer mit dem Rücken zur Wand. Aber immer auch einen Joker im Ärmel. Kurzum, der Anselm ist ein rechter Filou. Solche Männer haben wir gern.

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Nicholas Christopher: "Franklin Flyer" (SZ)

Peng! Wusch! Attacke!

Nicholas Christophers Breitwandpulp: "Franklin Flyer" (SZ, 31.03.04)

Tim und Struppi sind vom vielen Lesen schon ganz strubbelig. Die Pfade auf Robert Louis Stevensons Schatzinseln sind nach den zahllosen Urlaubsbesuchen mittlerweile arg ausgetreten. Bei aller Liebe zum Pulp: Jerry Cotton will einfach nicht rein. Karl May ist eine einzige Bully Parade, Jules Verne liest sich nach all den Jahren wie ein veraltetes Geographie-Buch. Die phantastischen Kupferstichillustrationen in den alten Hetzel-Ausgaben könnten allenfalls noch als kostbares Rohmaterial für die wunderbaren Collagen des genialen Abenteuer-Dadaisten Ror Wolf gelten. Was soll der Liebhaber gehobener Abenteuerliteratur heute lesen?

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Lydia Mischkulnig: "Umarmung" (SZ)

Ich ist zwei andere

Lydia Mischkulnig fährt Achterbahn im Möbiusband der weiblichen Identitäten: "Umarmung" (SZ, 26.01.04)

Zittrig hantiert der männliche Kritiker mit seinem phallokrakeligen Bleistift zwischen den Zeilen. Schamlos besudelt er das virginale Weiß des chlor- und säurefrei gebleichten Papiers mit den tintenklecksenden Ejakulationen seiner beckmesserisch pulsierenden Zirbeldrüse. Alterungsbeständig die Seiten des Buches, schnell vergilbend die Bögen der Journaille. Gebärende war die fruchtbare Autorin, steril Mäkelnder bleibt der furchtbare Kritiker. Er entreißt das Werk dem großzügigen Schoß der allumfassenden Musenmatrix, um es mit jener persistenten Penetranz zu durchdringen, die er mit seinen Geschlechtsgenossen teilt.

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Peter Härtling: "Leben lernen. Erinnerungen" (SZ)

Nachrichten aus der Käseglocke

Peter Härtling veröffentlicht seine Memoiren: "Leben lernen" (SZ, 17.12.03)

Peter Härtling erzählt mit Vorliebe die Biographien von kanonisch abgesicherten Kulturheroen nach: Franz Schubert, Friedrich Hölderlin, E. T. A. Hoffmann, Robert Schumann. Jetzt also Peter Härtling. Nach siebzig Lebensjahren blickt der Autor zurück. Plastisch beschreibt er seine Chemnitzer Kindheit im Dritten Reich und seine Jugend als Flüchtlingskind, das nach einer Odyssee über Wien im schwäbischen Nürtingen ankommt. Der Vater stirbt in einem Kriegsgefangenenlager, die Mutter nimmt sich das Leben. Die Schilderung dieser Jugend eines Frühwaisen sind der gelungenste Teil von Härtlings Erinnerungen. Der Autor läßt eine Epoche wieder auferstehen, erinnert sich an entbehrungsreiche Zeiten. Härtling ist ein geübter Erzähler, der über all die Jahre einen eingängigen Ohrensessel-Sound entwickelt hat. Nicht zu viel Analyse, einfache Diktion, vor allem aber Anekdoten, Anekdoten, Anekdoten. Der Mensch setzt sich im Großen und Ganzen zusammen aus „Gemüt“, „Herz“ und „Seele“, wenn er Pech hat, schwärt irgendwo in seinem unübersichtlichen Innern noch eine „Wunde“, das war’s dann aber auch schon. Das Leben ist ein Volkslied. Schnell entfacht der Leser auf einer imaginären Tonspur ein knisterndes Kaminfeuerchen. Härtling lesen ist unglaublich gemütlich.

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Flann O’Brien: "Aus Dalkeys Archiven" (SZ)

James Joyce vs. Dr. No

Flann O’Brien pflückt ein welkes Sträußlein "Aus Dalkeys Archiven" (SZ, 11.12.03)

Der Beamte Mick Saughnessy und der Juwelier Hackett treffen in einer kleinen Badebucht der irischen Küstenstadt Dalkey auf den skurrilen Gelehrten De Selby. De Selby ist ein Mad Professor. Er hat eine Substanz erfunden, die die Zeit anhält, zurückstellt oder abschafft, die genauen Details unterliegen noch dem Forschergeheimnis. De Selbys Experimente untermauern seine Arbeitshypothese, daß die Zeit eine an Sauerstoff gebundene Illusion ist. Durch Sauerstoffextraktion entsteht ein Zeitvakuum, was das Atmen in der Ewigkeit allerdings spürbar erschwert. Setzt de Selby seine Substanz in einem abgeschlossenen Raum frei, entsteht eine nagelneue Dimension, in der gerne Abgesandte aus der Vergangenheit vorbeischauen und von ihren Abenteuern im Jenseits plaudern.

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Richard David Precht: "Die Kosmonauten" (NZZ)

Hilfstierpfleger auf der Arche Noah

Richard David Precht beschwört eine untergehende Welt: "Kosmonauten" (NZZ, 04.12.03)

Gott, denkt man, ein Berlin-Roman. Herrje, murmelt man, eine Liebesgeschichte. Und dann liest man eine sehr gelungene Berliner Liebesgeschichte. Boy meets girl, dreihundert Seiten Beziehungsrappelkiste, boy loses girl. Das Muster ist von sagenhafter Einfallslosigkeit, und es ist ein kleines literarisches Wunder, wie es Precht gelingt, den Leser schnell für seine Figuren und seinen Stil einzunehmen und ihn über den gesamten Text hinweg mit Herz und Verstand am Schicksal seines Pärchens teilnehmen zu lassen.

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Friedrich Ani: "Gottes Tochter" (SZ)

Harry, hol schon mal den Hölderlin

Friedrich Ani schickt Kommissar Süden in den Osten: "Gottes Tochter" (SZ, 31.10.03)

Wie viele Telephonbücher und Taufregister Friedrich Ani wohl wälzen mußte, bevor er einen geeigneten Namen für seinen Münchner Hauptkommissar aus der Vermißtenstelle des Münchner Kriminaldezernats 11 fand? Es hat sich gelohnt: Tabor Süden. Ein exotischer Vorname neben dem klar strahlenden Nachnamen, und beide tragen eine Sehnsucht in sich nach Gefilden, wo Zitronen blühen und nicht die Stockflecken muffeliger deutscher Amtsstuben. Der Nachname des Kommissars ist einer der ganz wenigen Orte in diesem Krimi, wo noch die Sonne scheint.

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Hanns-Josef Ortheil: "Die große Liebe" (SZ)

Eine Frau wie ein Fischsud

Hanns-Josef Ortheil köchelt aus italienischen Essenzen "Die große Liebe" (SZ, 06.10.03)

Ah, bella Italia: Adria, Averna und natürlich: Amore! Hanns-Josef Ortheil hat einen Triple-A-Roman geschrieben. Ein deutscher Fernsehredakteur recherchiert für einen Meeresdokumentarfilm an der italienischen Adria. Dem tumb-deutschen Durchschnittsurlauber sollen endlich einmal die Augen geöffnet werden für die mannigfaltige Schönheit seiner liebsten Badestrände: Qualle, Alge, Koralle. Dafür ist der Ästhet aus München genau der richtige Mann. Der feinsinnige Redakteur spricht Italienisch wie Trappatoni höchstselbst, schätzt eine Flasche kühlen Weißwein nicht weniger als eine Flasche erdigen Rotwein - Hauptsache Flasche voll - und verfügt über magische Sozialkompetenzen: innerhalb von nur wenigen Stunden liebt ihn das halbe Fischerstädtchen San Benedetto, vor allem aber Franca, die zauberhafte Direktorin des meeresbiologischen Instituts.

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Lukas Hammerstein: "Die 120 Tage von Berlin" (SZ)

Pseudo-Pippis im Büroturm Kunterbunt

Lukas Hammerstein simuliert die Subversion: "Die 120 Tage von Berlin" (SZ, 29.09.03)

Obwohl man als Rezensent mittlerweile Berlin-Romane so gerne in die Hand nimmt wie ein Venture-Capitalist Strategiepapiere für tolle Dot-Com-Firmengründungen, liest sich der dramaturgische Busineßplan von Lukas Hammersteins Prosa-Unternehmung erst einmal vielversprechend: Die Berliner Immobilienblase ist geplatzt, die Rezession läuft auf Hochtouren, und der Leerstand in den Glaspalästen am Potsdamer Platz ist beeindruckend. Ein paar quirlige Szeneleute schlagen den gebeutelten Immobilienmanagern vor, für 120 Tage in ein leeres Hochhaus zu ziehen, um mit simulierter Geschäftigkeit neue Mieter für die tote Immobilie anzuziehen. Das Hochhaus heißt Placebis, was als Placebo-Name für die Debis-Zentrale zu verstehen ist, und den Lateinern unter den Lesern als erfrischende Konjugationsübung dienen mag. Die Pseudo-Mieter finden für vier Monate in dem Placebis-Glasturm Raum für all das, was Claudia Roth im besonderen und die Szene im allgemeinen unter dem Begriff „Projekte“ subsumiert.

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