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Kathrin Schmidt: "Seebachs schwarze Katzen" (SZ)

Der Stasi-Strizzi

Kathrin Schmidt erkundet die Alchemie der Psyche: "Seebachs schwarze Katzen" (SZ, 03.02.06)

Es gibt exakt zwei Sorten Männer: Die einen können durchaus auch mal in Ruhe in einer stillen Bibliotheksecke sitzen und lesen. Die anderen würden im erotischen Magnetfeld der Bibliothekarin niemals zur Ruhe kommen, könnten nicht ein einziges Wort entziffern und würden nur noch davon träumen, die Herrin der Bücher zu durchblättern. Der triebstarke Bert Willer gehört zur letzteren Sorte. Zu DDR-Zeiten heuert die Stasi den talentierten Verführer an. Natürlich haben die Geheimdienstler für so etwas ihre Tricks. Gänzlich schuldig für sein kaputtes Leben ist Bert Willer nicht. Das ist in Kathrin Schmidts neuem Roman niemand. Willer ist ein homme à femmes, er hat das gewisse Etwas, das regimekritische Frauen in die verwanzten Kissen sinken läßt. Er setzt seine Verführungskünste für den Klassenkampf ein, er ist der Stasi-Strizzi. Er betrügt seine kluge Frau Lou mit zahllosen Oppositionellen, die er aushorcht und mürbe streichelt. Eines seiner Lieblingsopfer ist Bejla, die "kleine Psychologiestudentin mit den literarischen Ambitionen."

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Eric-Emmanuel Schmitt: "Das Evangelium nach Pilatus" (SZ)

Stilblüten aus Nazareth

Eric-Emmanuel Schmitt schreibt ein fünftes Evangelium (SZ, 28.01.06)

2003 fiel der französische Autor Eric-Emmanuel Schmitt erstmals mit seiner herz- und nierenwärmenden Toleranzpredigt „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ unangenehm im deutschen Sprachraum auf. Dieses reine Herzensbalsam aus den kostbaren Ingredienzien Ringparabelblüten, Lebensweisheit und Streetworkerbeseeltheit lehrte uns, daß nicht jeder Muselmann einen Sprengstoffgürtel um seine Hüften trägt. In einfachen Sätzen überzeugte uns die Erbauungsgeschichte von der Weisheit und Güte arabischer Tomatenverkäufer. Schmitts Beitrag zur Völkerverständigung war größer als der zur Literaturgeschichte. Sein sanftmütig parabelnder Roman war ein weiteres Beispiel jener genuin französischen Kitschvariante, die uns seit „Die fabelhafte Welt der Amélie“ regelmäßig die Gauloise aus dem verblüfften Mund fallen läßt.

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Adam Fawer: "Null" (SZ)

Im Labyrinth der Albernheiten

Adam Fawers stochastischer Thriller "Null" (SZ, 05.12.05)

Wahnsinn. Der Spieler, Statistik-Dozent und Kopfrechengenius David Caine ist ein stochastischer Supermann. Noch während die Würfel fallen, könnte er mühelos die Wahrscheinlichkeit berechnen, mit der sie vom Spieltisch rollen, direkt unter die selbsthäutenden Python-Pumps der sexy Kellnerin, die daraufhin ins Stolpern gerät, wobei ihr das Tablett aus den Händen segelt, genau zwischen die frisch gerichteten Zähne eines schlummernden Pekinesen, der von dem Schreck derart traumatisiert wird, daß er eine halbe Stunde später auf dem Broadway der Geliebten des UN-Generalsekretärs in die selbsthäutenden Python-Pumps beißt, woraufhin illico 15.000 Blauhelmsoldaten nach Peking entsendet werden. Oder so.

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Patrick Hamilton: "Hangover Square" (SZ)

Das Große Ludereinmaleins

Patrick Hamilton schildert die nervenzehrenden Freuden der Bohème: "Hangover Square" (SZ, 16.11.05)

Netta, Du Aas! Was bist Du denn für ein Luder? Kannst doch den guten, armen Bone nicht derart zugrunde richten. Er ist zwar ein Tor, aber noch lange kein Grund. George Harvey Bone gehört zu einer Clique von Müßiggängern, die in den dreißiger Jahren ihr Lotterleben im Londoner Stadtviertel Earl’s Court verbummeln. Möchtegern-Schauspielerinnen, Schlägertypen, die übliche Mischung. Wenn die Pubs schließen, trinkt man noch ein paar Gin zuhause am Kamin. An Nettas Kamin. Netta fläzt sich in ihrer Couch, räkelt sich auf ihrer Ottomane, schlägt aufreizend ihre pfirsichflaumigen Alabasterbeine übereinander oder stolziert in knapper, viel zu knapper Unterwäsche durch den Salon.

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Susanne Fröhlich: "Familienpackung" (SZ)

In den Fängen des Gschreibsl-Ichs

Susanne Fröhlich schlachtet verzweifelte Hausweiber aus: "Familienpackung" (SZ, 21.10.05)

Susanne! Mensch! Super schaust aus! Kannst du vielleicht grad mal das Tablett mit dem Pflaumenkuchen hier halten? Habe ich selbst gebacken. Laß dich anschauen. Ist der Lippenstift aus diesem neuen iranischen Mail-Order-Versand da? Super. Frisur ist auch neu, oder? Auf dem Umschlag vom „Moppel-Ich“ sah die noch irgendwie so total völlig ganz anders aus. Kürzer, oder? War damals bei dir nicht noch voll so Bubikopf angesagt? Struppi-Style? Nee? Künast-Verbraucherschutzbürste? Superfrech und Landwirtschaftsministerinnen-kommen-nicht-in-den-Himmel-like? Ich dachte. Oder verwechsle ich das mit dem alten Lindwurm Hera? Nee, sorry, jetzt habe ich’s: Bubikopf ist ja Amelie Fried. Gott, die arme Amelie. Vorgestern auf Gaby Hauptmanns Tupperparty getroffen. Der Amelie ihre superengen Jeansjacken sind ja wohl nur noch peinlich. Manchmal sollte man Frauen einfach verbieten.

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Gerhard Henschel: "Der dreizehnte Beatle" (SZ)

Obladiblabla

Gerhard Henschel verdreht’s das Pilzköpfle: "Der dreizehnte Beatle" (SZ-Buchmessenbeilage, 18.10.05)

Für Gerhard Henschel sind Bücher Zeitmaschinen. 2002 rekonstruierte er in dem dickleibigen Doku-Roman „Die Liebenden“ mit Hilfe von Originalbriefen die ergreifende Liebesgeschichte seiner Eltern und schuf damit eine eindringliche Privatgeschichte der jungen Bundesrepublik. 2003 reiste der 1962 geborene Autor mit seinem voluminösen „Kindheitsroman“ in die eigene Vergangenheit. Nach diesen gefeierten, detailversessenen Romanen war Henschel wohl der raumgreifenden Vergangenheitsbewältigungsmethoden seines verehrten Meisters Walter Kempowski etwas überdrüssig. Offensichtlich wollte er nun mit einem schlanken, schnellen Fluchtvehikel endlich einmal raus aus dem bundesrepublikanischen Muff und eine fröhliche Spritztour durch die große weite Welt unternehmen. Doch wie kommt man aus dem deutschen Hobbykeller, den genormten Sparkassenfußgängerzonen und den Winnetou-Sonntagen dorthin, wo das Leben endlich mal so richtig rockt, verdammt noch mal?

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Patricia Duncker: "Sieben Geschichten von Sex und Tod" (SZ)

Der Killer kam als Goldregen

Patricia Duncker dekonstruiert den Olymp: "Sieben Geschichten von Sex und Tod" (SZ, 26.09.05)

Sieben Mal Eros und Thanatos verspricht Patricia Duncker, und gleich die erste ihrer Erzählungen ist ein Meisterstück der gebildeten, raffinierten, intertextuell bestens abgepolsterten Erzählkunst.

Die Professorengattin Sem begleitet ihren Mann zu einer Ausgrabung nach Griechenland. Während der Archäologieprofessor Macmillan seine Ruinen freilegt, fühlt sich Sem von einem Fremden beobachtet. Dieser Fremde bleibt unsichtbar, doch seine Präsenz ist gewiß. Der Professor feudelt mehr über seine alten Gemäuer, als daß er sich seiner Gattin widmet, und so aalt sich Sem immer genießerischer im gefährlichen Grenzland zwischen Exhibitionismus und Voyeurismus.

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Hans-Ulrich Treichel: "Menschenflug" (SZ)

König Zufall und seine Staatsstreiche

Hans-Ulrich Treichel verwässert ein Flüchtlingsdrama: "Menschenflug" (SZ, 19.08.05)

Stephan ist knapp über fünfzig, Akademischer Rat und in der Midlife Crisis – großer epischer Stoff. Sein Herz stolpert und damit auch sein Leben. Er nimmt ein Sabbatical von seiner Familie, der intelligenten Psychotherapeutin Helen und ihren zwei hübschen, kühlen Töchtern aus erster Ehe. So gerne hätte Stephan einen Satz eigener Töchter, aber in seinem Leben sind selbst die Kinder aus zweiter Hand. In seiner einsiedlerischen Selbstfindungsklause über den Dächern von Berlin Steglitz besinnt sich der leidenschaftslose Mann aus dem akademischen Mittelbau auf das Ursprüngliche zurück: Woher komme, wohin gehe ich?

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Jochen Missfeldt: "Steilküste" (FR)

Ein Nistplatz im Leitz-Ordner

Jochen Missfeldts manieristische Aufarbeitung eines Kriegsverbrechens: "Steilküste" (FR, 18.08.05)

Deutschland, deine Soldaten. Der Krieg ist verloren, Hitler ist tot. Großadmiral Karl Dönitz ist noch für 23 Tage Reichspräsident. Als Kommandeur und Gerichtsherr über die Schnellbootflotte fungiert ein pflichtbewußter Kommodore. Kein Nazi, sondern stolzer Marinesoldat in preußisch-christlicher Tradition. Mehr preußisch als christlich allerdings, aber wie soll das auch gehen, preußisch-christlich? Am 5. Mai 1945 haben die deutschen Truppen die Waffen niederzulegen.

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William Boyd: "Eines Menschen Herz" (SZ)

Der gelüftete Panamahut

William Boyds altmodischer Roman über die Moderne: "Eines Menschen Herz" (SZ, 09.08.05)

Allein schon dieser Titel! Eines Menschen Herz. Der Mensch hat kein Herz. Jedenfalls nicht diese Wellness-Kammer, die sich seit fünfhundert Jahren auf Schmerz reimt. Wenn der Mensch Glück hat, knarrt in seinem Kopf ein interessantes Kaleidoskop. Und kaleidoskopisch ist sein Ich. Und die Moderne hat uns gelehrt, daß dieses Ich ein Anderer ist. Deswegen fordern wir kaleidoskopische Romane mit einer changierenden, sich ständig in Frage stellenden, sich Absatz um Absatz neu erfindenden Sprache, die es sich niemals behäbig im schnurrenden Märchenton unserer Urgroßväter bequem macht. Wir fordern Romane, die wissen, woher sie kommen, und was sie der Tradition hinzuzufügen haben. Deswegen haben wir zum ersten Mal in unserem Leben an die Zurechnungsfähigkeit der akademischen Perückenträger geglaubt, als Elfriede Jelinek den Nobelpreis bekam und Brigitte Kronauer den Bremer Literaturpreis. Es war, als würden endlich einmal alle aufwachen.

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