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Theodor W. Adorno: "Über 'Breaking Bad'"

In den US-amerikanischen Fernsehserien liegen Mechanismen, welche in Wahrheit der gesamten gegenwärtigen Ideologie, aller Kulturindustrie angehören, obenauf. Im Buhlen um Quote sind alle Formelemente des TV-Serienspektakels durch die kapitalistische Forderung nach seiner Tauschbarkeit völlig abstrakt vorgeformt. Die bestimmenden Züge an ihm sind die warenhaften. Diese Serien müssen gleichzeitig stets dasselbe sein und stets das Neue vortäuschen.

Leitkultur

Wir werden nun also die Frage zu diskutieren haben, ob eine Ode von Friedrich Hölderlin ganz ohne Kehrwoche, Weihnachtsstollen und Sauerbraten überhaupt denkbar wäre.

Ich sage nein. Gerade der genuin deutsche Sauerbraten ist ja eben jene kulturelle Basismarinade, aus dem eine Hölderlin'sche Ode überhaupt erst emporsteigen kann.

Emmanuel in Hamburg

G20-Ikone

Die Sherpas hatten ihn gelangweilt. Merkel hatte ihn gelangweilt. Alle waren so langweilig. Er war froh, als ihn die Kolonne von den Messehallen zurück ins Mövenpick im Schanzenpark brachte. Allein saß er oben in dem alten Wasserturm. So musste sich Rapunzel gefühlt haben. Verrückte Deutsche mit ihren verdammten Märchen.

Er stahl sich aus dem Schanzenturm. Immer der Musik nach. Es roch nach Feuerwerkskörpern und Döner. Wie es sich wohl anfühlte, jung zu sein? Er hatte das Gefühl, als hätten sie ihn direkt aus dem Kindergarten in den Élysée-Palast gewählt. Er streifte umher. Niemand erkannte ihn.

Plötzlich sah er sie. Sie sass auf einem Autodach. Die Arme erhoben, hinter ihr die Masse. Wie auf dem Revolutionsbild von Eugène Delacroix: "La Liberté guidant le Peuple". Aus dem Lausprecher hinter ihr kam "Get Lucky".

Später, am Bismarck-Denkmal, küssten sie sich. Sie ließen sich die ganze Nacht treiben, die nächste und übernächste auch. In der Roten Flora versorgten sie einen Verletzten und aßen ein veganes Curry. "Vokü", flüsterte Liberté. Und dann nahm man sie ihm. Steckte sie in die Gefangenensammelstelle in Harburg.

Er konnte es nicht ändern. So war das. Als eine Woche später der amerikanische Präsident zu Besuch in Paris war, ließ Emmanuel die Militärkapelle auf den Champs-Elysées "Get Lucky" spielen. Mehr konnte er nicht tun für Liberté. Trump verzog keine Miene.

Es war ihm egal. In seinem Herzen bebten noch die Hamburger Nächte. Er musste lächeln.

Meine Jahre in Oxford

5:15 Uhr in der Früh. Die eisige Gischt spritzt über den Bug und uns ins Gesicht. "Gut gegen Deinen Whiskey-Schädel", sagt der Earl of Wombat. Altschottischer Hochlandadel.

Unser knarzender Zweier zieht an den alten Gemäuern von Oxford vorbei. Mehr Brücken als Duisburg-Süd.

Eigentlich soll ich hier für ein Semester studieren. Aber Earl Wombat hat mich in einen elitären Geheimclub eingeschleust. Die Bibliothek ist noch schöner als die alte SPIEGEL-Kantine.

Scroogeweazel, unser Logen-Ältester, hat uns eine Aufnahmeprüfung auferlegt: Wir müssen Banksy finden. Er soll sich hier irgendwo in eine vergessene Katakombe zurückgezogen haben, um sein künstlerisches Vermächtnis zu schaffen. Denn Banksy leidet an Crocodile-Sucht. Die Todesdroge aus den Underground-Laboren Odessas.

Der geheimnisvolle Sprayer will die alte Katakombe in eine neue Sixtinische Kapelle verwandeln. Das hat Schirrmacher Markwort gesteckt. Es heisst, Banksy wird alles verarbeiten, was er über 9/11 weiss. Scoop!

Aber ich komme einfach nicht zu dem Banksy-Scheiss. Seit einem halben Jahr hat mich Sergei, der kasachische Oligarchen-Spross, in die Cagefight-Szene von Harvard gezogen. Das Kämpfen ist wie ein Rausch.

Ich glaube, jetzt kann mich nur noch Penny retten. Wombats Zimmermädchen. Wir wollen zusammen durchbrennen. Penny hat einen Plan, wie sie Oxford aus meinem Kopf und Penny reinbringt: Ein Jahr ins Shaolin-Kloster. Oder soll ich doch lieber Kieser-Training bei der 'Ndrangheta machen?

Voting morgen ab 17:00 auf SPIEGEL online.

Alain de Botton: Living Architecture

Früher tranken Philosophen wenigstens noch den Schierlingsbecher, erdrosselten ihre Frau, wurden schier verrückt und küssten Pferde während der Passeggiata.

Der Philosoph Alain de Botton lässt Star-Architekten schöne Ferienhäuser bauen.

Dankesrede für den Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik

Danke für diesen Preis. Wurde auch Zeit. Jahrzehntelang habe ich irgendwelche Problemschmonzetten vom Balkan besprochen. Diese Langeweile! Vorteil: Du kannst schreiben, was du willst, weil eh keiner peilt, was das pseudo-avantgardistische Gestammel soll.

Literaturkritik, meine Damen und Herren, das heisst, sich mit Grenzerfahrungen extremster Art konfrontiert zu sehen. Jahrzehntelang auf Verlagsempfängen abhängen und über die besten Regalsysteme fachsimpeln. Jahrzehntelang sich mühselig mit dem Weiterverkauf von Rezensionsexemplaren über Wasser halten.

Der Dank? Hier & da ein Getränkegutschein für die Happy Hour irgendwelcher unabhängigen Verlage. Unabhängig, mein Arsch. Dafür habe ich mir doch nicht 20 Semester Kulturmanagement in Osnabrück gegeben.

Danke, Alfred Kerr. Von den 5000 Euro kaufe ich mir einen Rasenmähroboter. Gibt's was Geileres? Jetzt noch eine Creative-Writing-Professur, und ich kann mich endlich ganz meinen geliebten Ausmalbüchern widmen.

Scheiße, wäre ich bloß Rockstar geworden.

Alzheimer FM

Jetzt hören die Fassadenmaler "Holding Out for a Hero" von Bonnie Tyler. Es gibt keinen Gott. Er wurde auf einem Baugerüst gekreuzigt und ist nie wieder auferstanden. Maria Magdalena weinte und hörte Alzheimer FM.

Pinocchio

Eines Morgens befand Herr Keuner, sein Sohn sei nicht Menschs genug. Klotzartig kegele er durchs Leben, ecke hier und dort allzu grob an, verlange insgesamt nach mehr Schleif & Schmirgel. Keuner schickte ihn zur Fremdenlegion, doch zurück kam ein noch kantigeres Gebilde, das unförmig im Wohnzimmer stand, dem Gesamteindruck kaum zum Schmucke.

Die Keuners wollten schon gar verzweifeln.

Doch da kam ein Herr mit feinen Gesichtszügen des Weges, nahm den Keuner junior bei der Hand und führte ihn in ein Konzert in der Elbphilharmonie. Und siehe, aus Keuner junior ward ein exemplarischer Pinocchio der Kulturnation Deutschland.

FRÜHJAHRSVORSCHAU: "Auf Zebrastreifen durch die Nacht"

0,001 Prozent von Deutschland sind mit Zebrastreifen bepinselt. Kein anderes Land hat solch einen riesigen Schutzraum zu bieten. Chiffre für funktionierenden Sozialstaat, Nanny-Republik und gelebte Orgon-Therapie. Es gibt sage und schreibe vierzig Milliarden Kilometer Zebrastreifen in der Bundesrepublik. Eine Strecke von hier bis zum fernen Planeten "Media Markt“.

Für sein neues Buch ist Stephan Maus ein Jahr lang ausschließlich über deutsche Zebrastreifen gewandert. Vom Darßer Leuchtturm an der Ostsee bis auf den Gipfel der Zugspitze durchmaß er eine Republik im Umbruch. Sie werden ihn sicher nicht gesehen haben, denn der preisgekrönte Wettkampf-Pflüger trug in dieser Zeit Didi Hallervordens alten Streifenpyjama aus dem „Palim, palim“-Sketch. Dergestalt war Maus perfekt getarnt. Unsichtbar durchquerte er die Heimat seiner Vorfahren und die letzte Ruhestatt all seiner verstorbenen Haustiere.

Die Strecken zwischen den Dickstrichketten legte Maus auf dem Rücken des jungen Steppenzebras "Barcode" zurück. Er schlief auf Verkehrsinseln, in Streugut-Kisten und stehend in von Termiten ausgehöhlten Notrufsäulen. Immer wieder begegnete er Menschen, zu denen er sonst keinen Zugang gefunden hätte: Tankwarte, Gelbe Engel, Arschlöcher.

So entstand ein großes Wanderbuch in der Tradition von „Hit the road, Jack“, „Kamasutra“ und „Polaroid-Bildnisse der jungen Susanne Klatten.“ Dieses Buch ist auch eine Antwort auf die brennende Frage: Germany, what the fuck?

(Erscheinungstermin: 23.3.2017)

Mc Fit

ich hätte so gerne

zusammen mit rolf dieter brinkmann

eine franchise-fitness-bude

auf der sonnenallee eröffnet

ganz am ende

grenze treptow