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Jan Böhmermann - privat wie nie

"Ihr kleinen Caprisonnen habt Blendle gefickt", mailt die Kollegin. Und was soll ich sagen? Die Kollegin hat Recht: Unser Böhmermann-Interview steht auf Platz 1 der Blendle-Charts.

Hier der Director's Cut

Nominierung für Reporterpreis 2015

Mein Gespräch mit "Charlie Hebdo"-Chef Laurent Sourisseau ("stern", 16.07.2015, Heft 30/2015) wurde für den Deutschen Reporterpreis 2015 in der Kategorie "Bestes Interview" nominiert.

Hier das Gespräch als PDF-Download

Informationen zu Preis und Nominierten unter diesem Link

Anweisungen für mein Begräbnis

Vor allem anderen wünsche ich mir eine bescheidene Zeremonie. Kölner Dom muss nicht sein, Berliner reicht. Poliert meinen Sarg mit Karité-Butter und verhüllt ihn mit einer Deutschlandfahne (bitte nicht größer als mein letzter Wohnsitz: 250 Quadratmeter).

Christian Thielemann möge Gustav Mahlers 8. Symphonie dirigieren, Pete Doherty eine traditionelle irische Volksweise singen. Kate Moss soll einige bewegende Worte sprechen – nichts Pompöses. Sperrt nicht mehr als zwei Dutzend Straßen in der Hauptstadt für mich. In diesen unruhigen Zeiten sollten auch nicht mehr als zwei Bundeswehr-Regimenter für meinen Ehrenzug abgestellt werden.

Der Leichenschmaus soll von dem spanischen Molekularkoch Ferran Adrià Acosta im Schweizer Teilchenbeschleuniger CERN zubereitet und dann in Care-Paketen von der Luftwaffe über der Trauergesellschaft abgeworfen werden.

Beerdigt mich so, wie ich gelebt habe: Als bescheidenen Kosmopoliten, als Weltenbürger im Reihenhaus, als dankbaren Ziehsohn der ZEIT-Chefredaktion.

Alle meine Preise

Der FAZ-Feuilleton-Aufmacher von heute vermeldet, Elisabeth Ruge habe "in dieser Saison" als Agentin und Verlegerin drei wichtige Literaturpreise "mitgewonnen".

Nun, das hat sie niemand anderem als mir zu verdanken. 1999 war ich mit einem kleinen Zirkel auserwählter Multiplikatoren bei Ruge und ihrem Gatten Conradi ("Arnulf") zum Abendessen geladen. Nach dem zweiten Gang bot Ruge mir – als Entremet supplémentaire pour ainsi dire - noch von der in der Tat sehr schmackhaften Mousse de Foie de Canard au Porto an. Doch zu ihrer Überraschung zeigte ich auf einen von allen verschmähten Tiegel mit schwarzem Oliven-Concassé und sagte mit Charme aber Bestimmtheit: "Lieber noch ein bisschen davon."

Ruge war tief beeindruckt. So wurde ihr Geschmack für das Experiment, das Herbe, das Mutige, das Rohe geboren. Das hat uns nun "in dieser Saison" Swetlana Alexijewitsch, Mathias Énard und Frank Witzel beschert.

Charlie-Hebdo-Herausgeber Laurent Sourisseau: "Wir haben das Recht auf Karikatur verteidigt. Nun sind andere dran"

Sechs Monate nach dem Anschlag auf die Redaktion des französischen Satiremagazins "Charlie Hebdo" hat Herausgeber Laurent Sourisseau im Hamburger Magazin stern zum ersten Mal in einem ausführlichen Interview über die Ereignisse von damals und die Entwicklung der Zeitschrift danach gesprochen.

Sourisseau, auch "Riss" genannt, saß bei dem Anschlag am 7. Januar in Paris, bei dem zwölf Menschen ums Leben kamen, mit am Tisch der Redaktionskonferenz. "Der Mann stand anderthalb Meter von mir entfernt und schoss in den Raum. Alles war ganz still. Man hörte nur die Schüsse. Keinen einzigen Schrei. Dann hat er auf mich gezielt. Er hat mir die rechte Schulter zertrümmert." Sourisseau stellte sich tot, bis die Attentäter, die Brüder Kouachi, die Büros verlassen hatten. "Als es zu Ende war, war kein Laut zu hören. Kein Klagen. Kein Wimmern. Da habe ich verstanden, dass die meisten tot waren." Bei dem Terroranschlag kam auch Stéphane Charbonnier ums Leben, der damalige Herausgeber von "Charlie Hebdo".

Im Gespräch mit dem "stern" nahm Charbonniers Nachfolger Sourisseau auch zu den Mohammed-Karikaturen von "Charlie Hebdo" Stellung. Er würde Mohammed heute nicht mehr zeichnen, sagte Sourisseau: "Wir haben Mohammed gezeichnet, um das Prinzip zu verteidigen, dass man zeichnen darf, was man will. Es ist ein wenig seltsam: Man erwartet von uns, dass wir eine Freiheit ausüben, die im Grund niemand mehr zu nutzen wagt. Dabei haben wir unseren Job gemacht. Wir haben das Recht auf Karikatur verteidigt. Nun sind andere dran."

Lesen Sie mein Gespräch mit Laurent Sourisseau im "stern" vom 16.07.2015 (Heft 30/2015).

Goetz

Ein heißer Tag im August 2012. Multiplikatoren-Zusammenkunft im Suhrkamp-Haus im Prenzlauer Berg. Rainald Goetz sollte seinen neuen Roman "Johann Holtrop. Abriss der Gesellschaft" vorstellen. Kleiner grauer Raum, dem man ansah, dass dies hier früher ein Finanzamt gewesen war.

Es war stickig. In einer Ecke lag ein schwarzes Knäuel auf dem Boden: Der dicke Mantel der Suhrkamp-Pressechefin. Seltsames Suhrkamp. Warum trug Frau Dr. Postpischil bei diesem Wetter einen Mantel? Leuchtend und schwer lag er da wie Pantherfell. Auf einem Tisch ein Stapel mit Holtrop-Leseexemplaren. Die Zeit verstrich, es tat sich nichts. Der Smalltalk kam nicht in Gang. Zäh tropfte der Nachmittag in den gleißenden Hinterhof.

Maxim Biller hatte schon die drei obersten Knöpfe seines Hemdes geöffnet und die Ärmel hoch gekrempelt. Ein junger Mann machte Fotos mit einer analogen Olympus-Kamera.

Plötzlich bewegte sich der schwere Mantel. Unter dem Panther leuchtete warholweißes Haar hervor. Goetz stand auf, warf den Presse-Mantel ab, stand im Raum, weisses Hemd, blaues Jackett, makellos vibrierend, sofort angezündet von Kopf bis Fuß. Und während sich das Publikum den Multiplikatoren-Schweiß von der Stirn tupfte, schickte Goetz aus frischem Gesicht ein Lächeln in die Runde. Dann griff er sich ein Leseexemplar seines neuen Romans, reckte es in die Luft wie eine Beute und sagte: "Freude heisst dieser Tag, Zeitballung dieses Objekt. Willkommen bei Suhrkamp."

Jan Böhmermanns #varoufake: Anatomie einer Hysterie

In Griechenland ist ein Viertel der Bevölkerung von Armut bedroht. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 61,4 Prozent. Die Kindersterblichkeit hat sich seit 2008 um 40 Prozent erhöht, weil unter dem eisernen Regiment der Troika das Gesundheitssystem zusammengestrichen wurde. Und was machen wir? Das Land, das seit Jahren am meisten Druck auf Griechenland ausübt? Wir echauffieren uns eine Woche lang über den Mittelfinger des griechischen Finanzministers.

Dieser Mittelfinger ist Symptom einer tiefen Medienkrise. An Fingergate lässt sich ablesen, wie unsere Erregungsgesellschaft funktioniert. Immer schwerer fällt es den Medien, die großen Zusammenhänge darzustellen. Sie fokussieren auf Details, um Emotionen zu schüren. Erregung produziert Auflage und Klicks.

Zeit für nüchterne Analyse: Wie kam es zu der Medienhysterie? Wie funktioniert die Empörungsmaschinerie?

"Jan Böhmermanns #varoufake: Anatomie einer Hysterie" vollständig lesen