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Caspar Wintermans: "Lord Alfred Douglas. Ein Leben im Schatten von Oscar Wilde" (SZ)

Im Piranha-Haifisch-Zitteraal-Becken

Caspar Wintermans Biographie über Lord Alfred Douglas (Süddeutsche Zeitung, 27.10.01)

Lord Alfred Douglas war reich, schön und begabt. Im Oxford des ausgehenden 19. Jahrhunderts schwänzte er das Nobel-College, um Gedichte über verwilderte Gärten, küssende Flötenmünder und „Haare durchwirkt von Safranfäden“ zu verfassen - was man so schrieb im viktorianischen England, wenn einem das blaue Blut in Wallung geriet. Seine Mutter nannte ihn zärtlich „Boysie“, „Bübchen“. Der Rest der englischsprachigen Welt sollte ihn später „Bosie“ rufen. Mal mehr, mal weniger zärtlich. Oscar Wilde war 36 Jahre alt, als der junge Dichter ihm seine Aufwartung machte. Wilde war eine Berühmtheit. Er hatte eben das Porträt des Dorian Gray veröffentlicht, und meinte nun, sein Protagonist sei hinter dem Spiegelglas der Fiktion hervorgetreten und streckte ihm die Hand entgegen. Wilde ergriff sie, und die beiden wurden ein Paar.

Das Idyll währt nicht lange. Lord Alfreds jähzorniger Vater, John Sholto Douglas, der neunte Marquess of Queensberry – „Q“ für seine Freunde – verleumdet Oscar Wilde so lange, bis dieser sich auf einen Prozeß einläßt. Wilde verliert den Prozeß gegen den Marquis von Q und wird zu zwei Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Seither gilt Lord Alfred Douglas als das fatale „Bübchen“, das den genialen Oscar Wilde ins Verderben gestürzt hat.

Caspar Wintermans versucht in seiner Biographie des Lords Alfred Douglas eine systematische Ehrenrettung Bosies. Kein einfaches Unterfangen, denn Douglas ist nicht gerade, was man eine einnehmende Persönlichkeit nennen würde. Zwar soll sein Charme legendär gewesen sein, doch der ist erwartungsgemäß nach Ableben verpufft. Geblieben ist die Biographie eines jähzornigen, wetterwendischen Sturschädels. Nach seiner Beziehung mit Oscar Wilde wandelt sich der homosexuelle Bosie zum kämpferischen, puritanischen Hetero, der gegen ehemalige Freunde Sittenprozesse führt. Der einstige Atheist wandelt sich zum glühenden Katholiken, der sich über die Gottlosigkeit alter Bekannte ereifert und in seinen schlechtesten Momenten in antisemitische Paranoia-Delirien kippt.

Der Lord ist prozeßsüchtig. Er verzettelt seine gesamte Existenz in Ehrpusseligkeiten und steht wegen seiner Prozeßkosten mehrmals kurz vor dem Ruin. Der preziöse Lyriker verläßt seinen Elfenbeinturm einzig, um im Zeugenstand oder auf der Anklagebank Platz zu nehmen. Caspar Wintermans deutet nicht einmal leise an, daß der verlorene Prozeß um Oscar Wilde derart traumatisch gewesen sein könnte, daß Douglas sich vielleicht dazu verurteilt sah, in neurotischen Zwangshandlungen sein ganzes restliches Leben lang zu prozessieren, egal gegen wen, nur um den einzigen großen Prozeß seines Lebens, den um seinen geliebten Wilde, doch noch retrospektiv zu gewinnen.

Mit betretener Mine reiht der Biograph all die juristischen Farcen aneinander und versucht nach jedem nerven- und kapitalzehrenden Urteilsspruch, seinen Bosie zu entlasten. Hat Douglas wieder einmal einen alten Freund verklagt, führt Wintermans eine vergessene Vorzimmerdame an, die sich mit freudig glänzenden Augen an Bosies Charme erinnert. Statt zu versuchen, das psychische Muster dieses tragikomischen Serienklägers herauszuarbeiten. Auch Bosies chronische Wankelmütigkeit und Beeinflußbarkeit versucht Wintermans immer wieder zu entschuldigen, bedauert sie in besonders schlimmen Fällen aufrichtig, statt gerade diese Züge als das Charakteristische des Lords zu analysieren. Wo die Psychologie fehlt, ist der Griff nach den Sternen nicht weit: „Doch es stand in den Sternen geschrieben, daß diese Ruhe nicht lange währen sollte.“

Die Rehabilitierung des Dandys erfolgt bei Wintermans in unbehauenem Stil. Leicht verlottert nähert sich der Biograph den erlesenen Zirkeln der Ästheten. Er scheut den schnoddrigen Ton nicht: für den einen ist „das Maß voll“, der andere „zieht vom Leder“, hier müssen „Schaufensterscheiben daran glauben“, dort „strotzt etwas vor Ungereimtheiten“. Oscar Wilde hätte ihm nach den ersten Sätzen die straußenlederbezogene Tür gewiesen.

Oft fällt Wintermans´ Chronik in den Ton der Yellow Press: „Percy, der 1893 eine bezaubernde Pfarrerstochter heiratete.“ Man wird ganz neidisch. Wird Wintermans ironisch, streut er Ausrufezeichen, die in wieder anderen Passagen seine existentiellen Verblüffungen unterstreichen: „Was war in der Zwischenzeit nicht alles geschehen!“ Tja, tempus fugit. In der Gesellschaft der geistreichen Aphoristiker hätte Weinmans seine Stimme nicht so oft heben sollen. Und ein etwas intensiver funkelnder, nicht ganz so betulicher Stil wäre den Protagonisten dieser Biographie sicher angemessener gewesen. Oscar Wilde war nicht Alfred Biolek.

Seine Leser scheint der Biograph zu unterschätzen: „Selten sind Beziehungen wie die zwischen Wilde und Douglas – zwischen einem Künstler und einer Person, die die schöpferische Kraft des Künstlers stimuliert – natürlich nicht. Man denke an die Verehrung Dantes für Beatrice.“ Stimmt, da war doch dieser Dante. Der oberlehrerhafte Diskurs über Künstler gerät dem Autor sehr altmodisch. Völlig hilflos zeigt er sich in seiner banalen Analyse des lyrischen Talents von Lord Alfred Douglas: „Erst aus dem Wechselspiel von Imagination, Herzensglut und formaler Anstrengung entsteht große Dichtung.“ Darüber ließe sich diskutieren. Vor allem über die Herzensglut. Die Salons der Décadence haben viele verblüffende Aphorismen über Kunst, Literatur und Ästhetik hervorgebracht. Hier hätte Weinmans nur zu leicht fündig werden können. Klischees aus dem poetologischen Nähkästlein kommen Bosies Beförderung zum ernstzunehmenden Künstler nicht entgegen.

Doch trotz dieser Sprache im Duktus eines flapsigen Oberstufen-Referats, einer gewissen analytischen Trägheit und einer altbackenen Naivität hat Caspar Weinmann eine recht lesenswerte Biographie geschrieben. Bosies Leben war einfach zu interessant, als daß man ein wirklich langweiliges Buch darüber hätte schreiben können. Es scheint, als hätte Machiavelli selbst Bosies Schicksalsfäden geknüpft. Lord Alfred Douglas wurde das Opfer zahlloser Intrigen und kannte immer nur eins: Rache. Erstaunlicherweise entwickelt der Dichter nach Ablauf von drei, vier Jahren immer wieder die schöne Fähigkeit zu verzeihen. Doch nur, um ein Jahr später mit doppelter Vehemenz wieder auf sein Gegenüber einzuprügeln, es mit Prozessen zu überziehen oder über Monate hinweg zu verleumden. Bei Wintermans lernt man, daß schon der viktorianische Literaturbetrieb nicht nur einfach Natterngrube, sondern Piranha-Haifisch-Zitteraal-Teufelsrochen-Becken ist. Das immer wiederkehrende Klischee vom Elfenbeinturm des Künstlers ist an Engelshaaren herbeigezogen: Die Barden und Poeten dichten live aus dem Raubtierkäfig.

Auch der englische Hochadel zeigt sich in dieser Biographie von seiner intrigantesten Seite. Liest man all diese Ränke und Kabalen, so erscheint einem der legendäre Esprit der Dandys als das natürliche Produkt einer darwinistischen Evolution; das spitze Mot d´esprit und das scharfe Epigramm waren wie eine ausgeprägte Klaue oder ein prägnanter Säbelzahn, die das Überleben im Gesellschaftsdschungel erst ermöglichten. Zur Belohnung für den erfolgreich bestandenen Überlebenskampf durfte man dann am Feierabend in den noblen Literatur-Salons Damen hofieren, die unter Pseudonym Skandalromane über nekrophile Leuchtturmwärter veröffentlichten.

Über die Dandys und ihre Décadence-Zirkel hätte man gerne etwas mehr Details erfahren. Immerhin befanden sich in ihren Reihen exquisite Exzentriker, die sich schon Ende des 19. Jahrhunderts die Haare grün färben ließen, mit einem Hummer an der Leine ungerührt durch öffentliche Grünanlagen spazierten oder die Panzer von Galapagos-Schildkröten mit Juwelen-Intarsien schmückten, um das interessant changierende Gesamtkunstwerk auf dem Raubtierfell vor dem lodernden Kaminfeuer hin- und herkriechen zu lassen. Solche Kostbarkeiten muß man als Biograph von der Leine lassen.

Am Ende seines Buches gibt Caspar Wintermans dem Leser die Gelegenheit, dreißig Gedichte von Lord Alfred Douglas in Original und Übersetzung zu lesen. Zu einigen Gedichten bemerkte der französische Dichter und Poe-Übersetzer Stéphane Mallarmé: „Eine der raren Gelegenheiten, da ich mich glücklich pries, Englisch zu können, war der Tag, an dem mir Ihre Verse zukamen.“ In Bosies letztem Prozeß sind seine Leser die Geschworenen. Und dank einiger Verse hat er ganz gute Chancen, ihn zu gewinnen.

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Caspar Wintermans: Lord Alfred Douglas. Ein Leben im Schatten von Oscar Wilde
Aus dem Niederländischen von Christiane Kuby und Herbert Post
Karl Blessing Verlag, München 2001, 351 S., 46 DM

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Kommentare

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Laura B. am :

Also entweder haben Sie Herrn Wintermans nach der lektüre seiner Biographie wirklich sehr wenig gemocht, oder Sie waren nicht mehr ganz wach, auf jedenfall, ändert sich in der Mitte ihrer Kritik plötzlich der Name in Weinmann.

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