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Frank Schulz: "Morbus fonticuli oder Die Sehnsucht des Laien" (SZ)

Per Asbach ad astra

Frank Schulz leidet an der schönsten Krankheit der Saison: "Morbus fonticuli oder Die Sehnsucht des Laien" (SZ, 14.11.01)

Bodo Morten, genannt Mufti, ist achtunddreißig Jahre alt und der ewige Dilettant. Er ist abgebrochener Geisteswissenschaftler, mal einfacher Redakteur, mal stellvertretender Chefredakteur eines Hamburger Anzeigenkäseblattes und halbherziger Ehebrecher. Ein halbes Herz schlägt, ach, in dieser Brust. Selbst die Karate-Karriereleiter hat Morten auf der orangefarbenen Stufe mit einem technisch sicherlich wenig überzeugenden Sprung verlassen. Der ganze Mann ist insgesamt sehr abgebrochen. Unbedingte Hingabe kennt er nur auf einem einzigen Gebiet: Er ist leidenschaftlicher, lodernder und lallender Laienpriester in einem Kult um die heilige Dreifaltigkeit der legalen Rauschmittel Alkohol, Nikotin und Sex.

Dieser Mann mit tausend Leidenschaften liebt im tiefsten Innern eigentlich Anita, seine kluge, hübsche „Nita“, doch an Muftis reizbarer Benutzeroberfläche schubbert Bärbel, rubbelt das „Bülbül“, reibt sich seine „Lala“. Bärbel ist blöde, aber so was von sexy. Ihr monumentaler Hintern induziert ein flirrendes Magnetfeld, das Bodo Morten sämtliche Adjektive zur spekulativen Hinternerfassung aus dem Hirn zieht und den Verstand gleich dazu. Das Bülbül bereitet dem überreizten Intellektuellen Feste unkomplizierter Sinnlichkeit, die seinen sirrenden Nerven Momente postkoitaler Entspannung schenken. Zwischen Anita und Bärbel führt Bodo eine siebenjährige Pendelexistenz, bis sein Hypothalamus so orientierungslos im Hirnliquor schaukelt wie in einem Flüssigkompaß einer Hochseeyacht bei Windstärke zehn. Morten wird immer hypochondrischer und hysterischer, entwickelt eine abstruse Gehirntheorie, verläßt Anita, Bärbel und all seine Freunde und kehrt in sein Heimatdorf zurück. Hier gräbt er sich tief in die Muttererde ein, läßt sich ungerührt Spinnen ins Haar fallen und genießt ein regressives Wurzel- und Eckerndasein, bis ihn seine Kumpels wiederfinden und in eine Nervenklinik chauffieren. Dort verabschiedet er sich endgültig von seiner Jugend, „aber auch von dem Wahn, übergangslos in die Vergreisung tappen zu müssen.“

In vier Journalen arbeitet der chronische Laie Bodo Morten sein Doppelleben auf. Eingebettet in die Rahmenerzählung von den treuen Freunden, die den wahnsinnigen Dilettanten aus seinem heimatlichen Erdloch retten, bilden diese Tagebucheintragungen den Roman. Obwohl die Tagebuchform das rudimentärste aller Erzählgenres darstellt, ist dieser Roman souverän durchkomponiert. Das Tagebuch ist hier nur simulierte Dilettantenform. Raffiniert verwebt Schulz mehrere Zeitebenen miteinander. Die vier Journale dokumentieren das Jahr vor Mortens psychischem Zusammenbruch. Die Jahreszeiten färben seine Selbstbetrachtungen ein, für jede Saison eröffnet er ein neues Journal. In Rückblenden erinnert sich der Chronist an die sieben Jahre dauernde Affäre mit der wilden Bärbel. Diese Zeitspanne ist unterteilt in unterschiedliche Perioden, die jeweils eine Grundstimmung der verbotenen Liebe wiedergeben: man liest die unterschiedlich getönten Jahreszeiten einer Leidenschaft. Neben diesen Erinnerungen finden sich noch Rückblenden, die Mortens Jugend in seinem Heimatdorf, dem „Kaff“, beleuchten. So entsteht die opulente, schillernde Biographie des geistig obdachlosen Bodo Morten auf verzweifelter Heimatsuche.

Schulz strukturiert sein beachtliches Textvolumen mit Hilfe von leitmotivisch auftauchenden Symbolen und Szenen. Echos und Refrains verzahnen sein Prosaweltbild, das sich elegant über Mortens empfindliches Hirn wölbt. Das Loch in all seinen Erscheinungsformen wird zur Chiffre der Sehnsucht schlechthin. Die sehnsuchtsbildende Urszene spielt in Mortens heimischem Hühnerstall im Kaff seiner Kindheit: „Und vom Hühnerstall erzählte ich ihr (...), wo ich mit sanfter Hand über die Hühner herrschte, vom Futter naschte, den deftigen Geruch von bekleckertem Heu und warmem Gefieder in der Nase, die winzigen Zylinderchen handvollweise bis zur Pampe kaute und vor mich hin summte oder das ängstliche Getucke nachahmte, während ich, auf meinen kleinen Eiern hockend, durchs Astloch in der Bretterwand lugend Phantasien ausbrütete, wie es dort wohl sein mochte, wohin der rote Schienenbus gleich fahren wird...“

Dieser Schienenbus mit Namen Sehnsucht führt schnurstracks in ein Erwachsenenleben voller Desillusionen. Mit achtunddreißig bleibt dem Erzähler nur die Sehnsucht nach Entgrenzung, nach Öffnung, nach dem Fluchtloch im Laienalltag. Am dringendsten erscheint der Ausbruch aus dem eigenen Hirnhühnerstall, aus dem muffigen Schädelknast in dem es gluckt und tuckt. So entwickelt Morten schließlich seine krause Theorie der Fontanellenkrankheit. Die Fontanelle ist die Knochenlücke am kindlichen Schädel, die sich während der weiteren Entwicklung schließt. Beim regredierenden Morten klafft sie symbolisch und wird zur Metapher für einen möglichen Fluchtversuch aus der begrenzten Gedankenhemisphäre, wo man immer dieselben Sehnsüchte wiederkäut und dieselben Ideeneier ausbrütet. Die Fontanelle ist das Astloch im Schädelrund. Konsequenterweise führt die abstruse Theorie ihren Erfinder in den Wahnsinn. Der rote Schienenbus fährt letztendlich in die Nervenklinik; - Endstation Klapse. Zwischen Jugend und Erwachsensein, zwischen Kaff und Millionenstadt klafft ein weiteres, vielversprechendes Loch: Der Elbtunnel, das „Arschloch zur Welt“. Die Anatomie der laienhaften Sehnsucht ist paradox: Der Jugendliche sehnt sich nach der Zukunft, der Erwachsene wünscht sich die verlorene Jugend zurück.

Klingt ernst, ist aber sehr lustig. Komischer geht eigentlich nicht. Denn der Untertitel des Romans ist natürlich ein hanseatisches Understatement. Bodo Morten ist Profi und seine Sprache Deutsch für Profis: „Wie das Luftbläschen im grünen Auge einer Wasserwaage bewegte sich träg, aber schon wieder geradezu greifbar plastisch ein Bleiei in meinem Schädelballon. Nur in austariertem Zustand gab´s keine Kollisionen mit den empfindlichen Ballonwänden.“. Der Provinz-Journalist, der sich nach absolviertem PR-Termin eine Lobeshymne auf ein Fliesenparadies, einen Bio-Metzger oder Vollkorn-Backshop aus der Marlboro saugt, schreibt in seiner privaten Schreibklause nach Feierabend mit seinen Journalen schlichtweg ein Meisterwerk der literarischen Hochkomik. Mit überwältigender Großzügigkeit verteilt Frank Schulz seine Wortschätze, schmiedet originelle Bilder, entwirft sehr amüsante Kneipenszenen, bestückt unermüdlich die Jokebox, choreographiert trunken schwankende Tresenballetts, schaukelnde Reisen zum Pissoir, mitternächtliche Suchen nach dem heiligen Klostein und sehr überzeugende Dartwettkämpfe. Bei Schulz lernt man die effizientesten Überlebensstrategien, Palavertaktiken und Schwadroniermanöver für sämtliche Auerbachkeller der Republik. Seit Eckhard Henscheids „Trilogie des laufenden Schwachsinns“ hat man nicht mehr so schöne Zechzeremonien gelesen. Mehr als die Leber der Figuren wird hier nur das Zwerchfell des Lesers strapaziert. Zahlreich sind die Anspielungen auf das Werk des Komikers Heino Jaeger. Gargantuesk kippen alle Personen Hochprozentiges in sich, spielen Flaschendrehen mit der Dive Bouteille und quarzen, als gäbe es keine Röntgenbilder.

Von Metropolengeglitzer bis zu ländlich blökender Idylle, von Strips bis Grips, von klarsichtigen poetischen Epiphanien bis hin zur Phänomenologie des krallenwetzenden Katers im fadenscheinigen Hirninterieur kann Schulze einfach alles. Sein Text ist die gelungene Symbiose aus Geistes- und Körperwissenschaften. Mit ethnographischer Liebe zum Detail hat er der niederdeutschen Mundart gelauscht und sie in schwadronierenden Dialogen, Tresensuaden und Liedern festgehalten und weitergesponnen. Der Autor läßt keine einzige seiner zahlreichen Figuren zum blassen Statisten verkommen. Noch die unwichtigste Nebenfigur wird sorgfältig mit all ihren Tics und Spleens gezeichnet. In diesem Roman finden sich die wohl besten Szenen aus dem Journalisten-Alltag. Nebenbei ist dieses Sehnsuchtsjournal eine unpathetische, schöne Ode an die Freundschaft. Selbst für die Fanatiker der literarischen Sekte, die nach dem 11. September von der Literatur vor allem prophetische Gaben verlangt, hält Schulz erstaunliche Referenzpassagen bereit: „Morbus fonticuli“ beinhaltet sehr einfühlsame Porträts des Terroristenausbildungslagers Hamburg-Harburg.

Frank Schulz´ Stil erinnert an Arno Schmidt, allerdings ohne dessen extravagante Interpunktionsexzesse und aggressive Bildungshubereien. Vielleicht könnte man gar ein irisches Tresen-Bon Mot über Flann o´Brian und James Joyce abwandeln: So hätte Arno Schmidt geschrieben, wenn er nicht bescheuert gewesen wäre. Vielleicht ist alles sogar noch viel einfacher und Schulz hat schlicht das beste deutsche Buch des Jahres geschrieben. Auf dem Buchdeckel jedenfalls brummt Harry Rowohlt kurz angebunden: „Sowieso mein Lieblingsautor.“ Geht in Ordnung – sowieso - – genau ---. Die frisch erforschte Krankheit Morbus fonticuli scheint zwar insgesamt sehr an Geist und Nerven zu zerren, hat aber beneidenswerte Nebenwirkungen auf das Sprachzentrum des Patienten. An so einer Krankheit möchte man gerne auch leiden.

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Frank Schulz: Morbus fonticuli oder Die Sehnsucht des Laien
Roman. Haffmans Verlag, Zürich 2001
765 S., 68 Mark

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