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Hermann Kant: "Okarina" (FAZ)

VEB Schmetterlingsfarm

Hermann Kant beschwört die Geschichte der DDR mit einer eiförmigen Gefäßflöte: "Okarina" (FAZ, 19.03.02)

Hermann Kant kennt mehr Wahrheiten als das offensichtliche Zusammenspiel der nackten Fakten. Dem ehemaligen Präsidenten des DDR Schriftstellerverbandes geht es um die höhere Wahrheit: „Vor dem Ereignis, das als Wende beschrieben steht, und über dieses hinaus hatte ich ein Organ gelesen, das ENDE hieß. Natürlich hieß es nicht ENDE, aber da in Geschichte statt der führenden eine höhere Wahrheit herrscht, soll es hier so heißen.“ Das neue Deutschland ist am Ende. Die Wahrheit hat mindestens zwei Stockwerke: Basis und Überbau. Kant bewegt sich im Überbau. So hat er mit „Okarina“ einen autobiographischen Roman verfaßt, der mit historischen Ereignissen spielt, sie verkleidet und verschlüsselt. Kant sucht und gestaltet die poetische und sozialistische Wahrheit in der Geschichte.

„Okarina“ kombiniert die Struktur des klassischen Bildungsromans mit den ausufernden Erzähltechniken des barocken Schelmenromans. Der wortgewaltige Ich-Erzähler schildert seine Entwicklung vom jungen deutschen Wehrmachtssoldaten zum überzeugten Anti-Faschisten, sozialistischen Parteisoldaten und linientreuen Führungskader. Man liest die Geschichte eines glasklaren, kritischen Bewußtseins und keinesfalls die Chronik einer Verblendung. Zu Beginn dieser kommunistischen Vita steht eine klare Mission: Im Herbst 1947, irgendwann Schlag Mitternacht, wird der junge deutsche Kriegsgefangene in den Kreml gerufen. Genosse Stalin lädt den Deutschen zum Tee, bringt ihm ein Ständchen auf einer tönernen Flöte, der Okarina, und erklärt ihn zu seinem geistigen Statthalter und Ideengefäß: „Die Szene, die mit Stalins okarinauntermaltem Abgang endete, diese auch für mich längst unglaubliche Szene gipfelte in Stalins Auftrag an einen verwirrten deutschen Gefangenen, er möge sich für den mißlichen Fall einer Niederlage als Gefäß der Ideen des Weltenführers bewähren. Einfach, indem er sie bewahre.“

Der junge Mann folgt den stalinistischen Flötentönen. Zuerst jedoch muß das hohle Ideengefäß gefüllt werden. Aus einem politisch naiven Wehrmachtssoldaten muß ein geschichtsbewußter Parteisoldat werden. Während seiner Kriegsgefangenschaft im Warschauer Ghetto schließt sich der Erzähler einer antifaschistischen Gruppe an und erhält seine kommunistische Grundausbildung. Seine polnischen Lektionen wird er nie wieder vergessen. Aus der unmittelbaren Anschauung der nationalsozialistischen Verbrechen leitet sich sein gesamtes Leben als überzeugter Kommunist her. Er findet sich im selben Lager wieder, in das seine Landsleute die Juden Europas pferchten. Hier muß er im Zentrum für polygrafischen Bedarf riesige Berge von durcheinandergewürfelten Drucktypen sortieren. Kant setzt an den Beginn seines Textes ein greifbares Bild für die Ordnungskraft der Schrift und legt so das erzählerische Fundament für eine Hauptperson im Dienste der Buchstaben.

Nach seiner Kriegsgefangenschaft entscheidet sich der gebürtige Hamburger für ein Leben im und für den Kommunismus. In Ost-Berlin wird er erst Lehrer in einer Parteischule, die er nach einer etwas gewagten Auslegung der offiziellen Geschichtsschreibung verlassen muß: „Es war ein Liebknecht ohne Schwanken vorgesehen, und ich habe einen schwankenden vorgetragen.“ Im Betrieb des sympathischen Kapitalistenehepaares Moeller & Moeller wird er Drucker und Setzer, im Fachjargon des Druckereigewerbes „Schweizerdegen“. Diese Berufsbezeichnung wird zum Symbol für tapfere Ritterlichkeit im Umgang mit Buchstaben. Der Ich-Erzähler wird zum ehrenhaften Ritter vom Geiste, der erfüllt ist von Husarenstolz. Bald macht ihn die Partei zum Verantwortlichen für ein „Organ für Kommunikations-Angelegenheiten Regionaler, Internationaler und Nationaler Art“, kurz OKARINA. Für den Schweizerdegen wird der Stil nun zum Stilett, mit dem er seine Mission als Ideengefäß durchsetzt. Als Begleitmusik ertönen die Flötenklänge aus Moskau. Er avanciert zum „Sprecher der Sachbuchautoren“. Dieses Ideengefäß geht so lange zum Brunnen, bis die Mauer fällt. Nach einem langen Leben voller Abenteuer im Überbau der sozialistischen Staatsmacht zieht sich der Erzähler zurück an die Mecklenburger Seenplatte, die gegen Ende des Romans als Landschaft eines melancholischen aber tapferen Exils erscheint.

Hermann Kant entwirft mit weit ausholendem Erzählgestus ein hochinteressantes, lehrreiches und sehr amüsantes Panorama der Nachkriegsgeschichte aus der heute sehr seltenen Perspektive eines überzeugten kommunistischen Kaders. Er eröffnet seinen Roman mit einer Eislaufszene auf der zugefrorenen Alster ganz im Stile klassischer holländischer Maler und erweist sich auch im nachfolgenden Text als Alter Meister. Sein kunstvoller Text überzeugt mit unzähligen schillernden Personenportraits, dichten Milieu-, Stadt- und Landschaftsbeschreibungen und verzwickten Nachrichtendienstmanövern. Den Roman nach einer volkstümlichen Tonflöte mit eher begrenztem Klangvolumen zu benennen, ist reines Understatement: „Okarina“ ist eine üppig instrumentierte Orchestersuite.

Schwungvoll vermittelt Kant den revolutionären Elan, mit dem in den Anfängen der DDR versucht wurde, eine neue Gesellschaftsordnung zu erfinden. Alle Romanfiguren sind ausgeprägte Charakterköpfe mit gut geöltem Mundwerk. Ob Kapitalisten, Anarchisten oder Kommunisten, ihre Dialoge funkeln vor Esprit. Kant betreibt keine billige Propaganda, sondern zeichnet voller Humor die Irrungen und Wirrungen eines überzeugten Marxisten mit den verfremdenden Mitteln der Groteske und der Satire. Seine Hauptfigur ist ein Simplicissimus ost-teutsch. Gleich seinem Schweizerdegen führt der Autor das Wort wie ein Florett. Man versteht, daß die DDR Kant zum Vorsitzenden des Schriftstellerverbandes bestimmt hat. Er ist ein verblüffender Stilist. Sein Roman ist von barocker Sprachkraft, der ein Hang zum Manierismus nicht fremd ist. Wie sein Buchstaben sortierender, Lettern polierender und Drucktypen manövrierender Held dreht der wortspielende Autor jeden Buchstaben drei Mal und sich selbst das Wort im Munde um.

Bei Kant schlägt sich das dialektische Denken noch in den Stilfiguren nieder. Er scheint unter grammatikalischem Beziehungswahn zu leiden, der aus dem ständigen Versuch erwächst, die Welt auf der Suche nach den großen Zusammenhängen zu durchleuchten. Immer wieder führt er entfernte Ideen durch Gleichklang und Parallelkonstruktionen zusammen und sortiert die Sprachverhältnisse neu. An einen Rot-Kreuz-Residenten möchte sich der nachtblinde Erzähler wenden, „um bei ihm über das schweizerische Präparat gegen Schwachsicht hinaus eines gegen Schwachsinn anzufordern. Und ihn zu bitten, sich statt der Unterbelichtung meiner Sehkraft der Überbelichtung meiner Einbildungskraft anzunehmen.“ Bei solchen Sophistereien scheut Kant allerdings auch vor Kalauern nicht zurück. Der stilistische Beziehungswahn findet seine Entsprechung in einer latenten Paranoia, die in den Verflechtungen der unterschiedlichen Geheimdienste ihren reichhaltigen Nährboden findet. Kants Weltsicht ist konspirativ.

Dieser DDR-Roman kennt keine Mangelwirtschaft, hier herrscht sprachlicher Überfluß. Streckenweise verliert sich der Autor in seinem ausufernden Erzählstrom, als wollte er die Kurzlebigkeit der DDR durch die Weitschweifigkeit seiner Erzählung kompensieren. Doch selbst in diesen langatmigen Passagen gelingt es ihm immer wieder, seine nahenden Gedanken in exakt dem Augenblick abzupassen, „wo diese in Wortgestalt dem Einfallskokon entschlüpfen“. Ganz gegen den Zeitgeist betreibt Kant im Mecklenburgischen Land offensichtlich die letzte volkseigene Schmetterlingsfarm voller kristalliner Stil-Chrysalide.

Der Autor gestaltet sein beachtliches Textvolumen mit Hilfe von Leitmotiven, deren augenscheinlichstes die immer wieder erklingende Tonflöte des Obersten Rattenfängers von Moskau ist. Meisterhaft beherrscht Kant die Kunst, eine Metapher oder ein Bild im Textverlauf wiederaufzunehmen, zu variieren oder in ein anderes thematisches Register zu heben. So liest man nach einer Passage über die Flucht des Ministerpräsidenten der polnischen Exilregierung in London im doppelten Wagenboden eines Militärfahrzeugs: „Aus dem Unterflur des Textes und krächzend wie Minervas Eule flatterte folgende Fußnote vor mir auf.“ Der sprachliche Spieltrieb des Buchstaben-Jongleurs kennt keine Grenzen. Kant parodiert den kommunistischen Parteijargon und schöpft aus ihm originelle Sprachfiguren: „Doch reichte ich mich in solchen Fällen an meine Innere Verwaltung für Selbstkritik weiter, der es gelang, mich von meinen bürgerlichen Eierschalen zu befreien.“ Es ist, als hätte sich der Erzähler die Behebung eines großen Makels seiner Ideologie aufgebürdet: „Ich kam mit dem Schriftlichen meiner Partei nicht zurecht. Es scheint ein Ehrgeiz der Verfasser zu sein, nicht durch Neuheit aufzufallen.“

Kant zeigt sich in seinem Text voller erfrischender polemischer Verve. „Mit einem Deutsch, das alle Wörter kennt und kein Erbarmen.“ Sein marxistischer Kampfesgeist ist ungebrochen. Man muß kein Kommunist sein, um sich von der sprachlichen Energie seiner engagierten Prosa gefangen nehmen zu lassen. Kant ist ein amüsanter Kapitalistenfresser, dem auch nach all den Jahren der Appetit nicht vergangen ist. Die Originalität seines Textes besteht in einer Mischung aus sprachlichem Spieltrieb und politischem Engagement. Den Alltag eines Parteifunktionärs zeigt er als ewiges Hadern mit den Kadern und ständiges Ausloten der eigenen Freiheiten in den engen Grenzen der Parteilinie. Doch bei allem Auslegungskampf bleibt die Parteidisziplin oberstes Gebot, denn der Klassenkampf ist keine Krabbelgruppe und will vor allem gewonnen sein. Eine Alternative zum Sozialismus wird in diesem biographischen Roman nicht sichtbar: „Ich habe nicht gezählt, wie oft ich gefragt wurde, warum ich bei der Sache blieb, ihr nicht einfach anhing, sondern ihr, wo nötig, voranging. Ich zähle auch weiterhin die Antwort nicht; sie ist gegeben. In hohem Ton: Weil ich die Sache nicht mit dem Makel verwechselte und meinte, ich könnte jene von diesem befreien. Leiser Zusatz, nicht für jeden bestimmt: Und weil ich eine andere Sache weder sah noch sehe.“ Mit dieser Haltung hat der Autor sehr viel Haß auf sich gezogen und wird auch bei Erscheinen dieses Romans wieder mit viel Gezeter rechnen müssen. Man braucht ihn dafür nicht unbedingt zu bedauern, denn mit Polemik hat er sich wohl niemals zurückgehalten. Hermann Kant hat in den letzten fünfzehn Jahren sehr viel Macht verloren. Seine Sprachmacht wird ihm keiner nehmen können.

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Hermann Kant: Okarina. Roman.
Aufbau Verlag, Berlin 2002.
463 Seiten, XX,YY Euro

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