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Christian Uetz: "Don San Juan" (SZ)

Heidegg-Head

Christian Uetz im Tollhaus der Sprache: "Don San Juan" (SZ, 10.04.02)

Potz Uetz. Ein Kalauerscharmuetzel. Der Leser steht unter Beschuetz. Die Wortspieluetzi steht auf Dauerfeuer: Uetz, uetz, uetz! Eine Sprachveruetzung, uetz, uetz. Alle Mann in die Schuetzengraeben, schtzngrbn, schtzngrbn, schtzngrbn. Chrstn tz! Chrstn tz! Chrstn tz! Tz, tz. So eine Wortgruetz. Wenig erguetzlich.

Christian Uetz ist studierter Philosoph und wahrscheinlich bekennender Nominalist. Er glaubt an keine Wahrheit außerhalb der Sprache. In seinem schmalen Prosabändchen bastelt er an einer Pappwindmühle, gegen die er wütet und hampelt. Der Realismus und seine Prediger sind Uetz´ Feinde. Der Ritter von alberner Gestalt führt offensichtlich eine heraldisch umrankte Maxime von Ferdinand Saussure selig in seinem Schilde: „Das Zeichen ist willkürlich.“ Und wenn das Zeichen und das Wort schon willkürlich sind, dann darf man auch siebzig Seiten Nonsens schreiben. Uetz möchte die hübschen Luftschlößchen der Phantasie mit Hilfe einer Großexplosion von Sprachklamauk im sinnfreien Raum verteidigen. So rumpelt der Autor über den holprigen Umweg der Kalauer-Avantgarde und des bemühten Sprachexperiments zurück in die Romantik, um dem geschmähten Realismus zu entkommen.

So viel läßt sich bei aller Vorsicht über Christian Uetz´ vier Prosastücke spekulieren. Denn die sind vor allem pampiger Sprachsalat, der nicht mehr sehr viel über die kompositorischen Absichten seines Urhebers aussagt. Nach einer Seite Lektüre fühlt man sich ziemlich meta. Gegen das skizzierte Konzept einer reinen Sprachartistik, die schwärmerisch die poetische Schöpferkraft des Wortzentrums im Overdrive feiert, ist eigentlich nichts einzuwenden. Doch möchte man dann auch gerne einen kunstvoll verspielten Text lesen. Der Artist soll gefälligst turnen und nicht mit doofem Clownsgehampel nerven. Wenn allerdings Uetz jener virtuose Sprachakrobat sein soll, für den er sich augenscheinlich hält, kann man demnächst auch Edmund Stoiber wegen seiner panthergleichen Geschmeidigkeit zum chinesischen Staatszirkus schicken.

Die Muse dieses Autors ist Anna Blume. Der Gagaist entblättert sie mit ungelenken Fingern und herab rieselt Stilblüte um welke Stilblüte. Uetz setzt auf Albernheit statt auf Originalität. Er stößt ins dumpfe Verballhorn, äst auf öden Kahlauen, rüttelt sich und schüttelt sich und wirft sein Binnenreimchen hinter sich. Ist der wortklauberische Budenzauber erst einmal beschworen, ist er schwerlich wieder ruhig zu stellen: Schwalle, schwalle manche Strecke. Und die Strecke ist lang. Uetz reiht öden Kalauer an blödes Wortspiel, und man liest nichts, aber auch gar nichts, was man nicht selbst schon bei fortgeschrittener Alkoholisierung des Sprachzentrums über die beschämend tief gesunkene Hemmschwelle in die betreten dreinschauende Öffentlichkeit gehievt hätte.

Der Autor versucht sich in diesem eiertanzenden Tractatus Syllogismus immer wieder an einer Phänomenologie der Peinlichkeit und stellt sein „Peinlicht“ nicht unter den Scheffel. Doch es hilft alles nichts: seine Peinlichkeit wird niemals über sich hinausweisen, sondern einfach nur da und peinlich sein. Dieser hypnotische Faselnepp atmet denselben bösen Geist, der Discount-Möbelhäuser dazu verführt, auf die Plakatwände in den Speckgürteln unserer Metropolen zu drucken: „Wir vermöbeln Sie auch sonntags.“ Aus Angst vor Ansteckung wagt man kaum zu zitieren. Spinoza? „Spinnozza.“ Schopenhauer? „Schopenpower.“ Kant? „Conditio-sine-Kant-non.“ Hat den Uetz der Søren kirr gegart? Wo ist Gossip Jandlschmarrn? Man empfindet Mitleid mit dem Rechtschreib-Programm des Autors. Ein Dia-Abend mit Detailaufnahmen von Omis schönsten Scrabble-Partien ist amüsanter.

Würfelt Uetz nicht gerade seine Buchstabenklötzchen zu einem hirnrissigen Wortspiel oder einer babylonischen Turmruine zusammen, stellt er seinen Schwurbelgenerator auf Autopilot und produziert pseudo-philosophischen Jargon. Diese Passagen lesen sich, als rezitierte Didi Hallervorden Martin Heidegger auf Premiere, und du hast deinen verdammten Decoder nicht eingeschaltet. Purer Suhr-Camp. Und leider auch noch sehr ansteckend. Des Autors liebste Stilfigur ist die doppelte Verneinung, mit deren hinterhältiger Hilfe er mit dem gequälten Leserhirn Squash spielt.

Uetz kokettiert mit dem Gestus des Wahnsinns, der ihn scheinbar in die Nähe der Genialität rücken soll. Seine Texte sieht er gerne als Symptom einer problematischen, monomanen Psyche. Er nennt sie im Untertitel „Wahn“, „Krankheit“ oder „Monolog“. Das aber ist das größte Blendwerk an diesem referenzlosen Hirnrindenmulch: mit pseudo-experimentellem Wortgerüttel verbrämt der Autor seine verkitschte Weltsicht. Bei Uetz erscheint der Dichter wieder einmal als Prophet, der im Sprachdelirium phosphordurchtränkte Wahrheiten schaut. Für den poetischen Moment findet der selbst ernannte Prophet jedoch keine anderen Bilder als semi-lyrischen Weltraummüll. Noch einmal pappt er die speckigen Abziehbildchen von Sonne, Mond und Sternen in sein Poesiealbum: „Hab bitte Nachtsicht mit meinen Sternschnuppen, mir brennen die Pegasussen durch und kronen rauschig wie tanzende Seelfine.“

Nach siebzig bleischweren, trägen, kaum zu wendenden Seiten voller schlaumeierndem Humbug und grenzenlosem Knaddeldaddeldu hat der knittelnde Kasuistiker Uetz noch die Stirn, mit einem lauen Schnipselchen über Humor abzuschließen. Es ist der gnadenlose Gnadenstoß. Tumor ist, wenn man trotzdem lacht. Hihi. „Es gibt den Hirnhumor und den Hodenhumor.“ Hoho. „Humor ist eine der unheilbarsten und gefürchtetsten Krankheiten auch noch des ganzen zwangwitzigsten Jahundherz.“ Haha. Christian. Hehe. Uetz. Ein Wahn. Huhu. Oh, eine Zwacksjange. Zwickzwack. Hihi. (Der Rezensent wird behutsam abgeführt).

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Christian Uetz: Don San Juan.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2002.
75 Seiten, XX,YY Euro

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