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Hans Arp: "ich bin in der natur geboren. Ausgewählte Gedichte" (SZ)

Palastaufstand des Zeugs

Eine Auswahl von Hans Arps Gedichten: "ich bin in der natur geboren" (SZ, 07.08.02)

In einem seiner Gedichte gibt der Zürich-Dadaist Hans Arp Atelierauskunft: „Meine Schraubstöcke sind voller Eier.“ Gewiß: Rohe Eier, so sensibel wie eine Piranha-Schwimmblase voller Nitroglyzerin; Soleier, mariniert vom Salz des Sargassomeeres, wo sie in mobilen Aallaichintarsien gedümpelt haben, vierzig Jahre lang, keinen Tag weniger; Wachteleier und Wichteleier; hartgekochte Eier, so hart, daß sie kaum mehr vom hermetischen Stein des Weisen zu unterscheiden sind; Windeier, in denen Sandstürme rütteln, und hier und da rieselt Wüstenstaub durch die porösen Schalen wie aus einem Salzstreuer; Eier, in denen Hennen neue Eier ausbrüten, in denen wieder Glucken hocken und brüten bis in alle Ewigkeit, amen; das Ei des Kolumbus, in dem es schwippt und schwappt wie im Innern eines Flüssigkompasses; Straußeneier, in die ein ganzer Dichtereierkopf paßt; und Eier, aus denen plötzlich ein Pfau hervorbricht und sein prächtiges Rad voller schneeweißer Eiermotive weit über die Werkbank des Künstlers spreizt und dabei hysterisch kreischt, denn seine linke Kralle steckt noch im Schraubstock des Dichters.

Hans Arp war eine Assoziationsmaschine. Doch seine poetischen Gedankenketten ranken sich immer um einen roten Faden, eine Vision entschlüpft der anderen, so daß man niemals vor einem unentwirrbaren Bilderknäuel steht. Da der Dadaismus jedoch unter anderem auch die Befreiung des Bewußtseins durch den konzentrierten Unsinn proklamierte, sollte sich der Leser von Arps Gedichten in verwucherten Textlabyrinthen wohlfühlen können. Am besten setzt er sich mitten ins Metapherngestrüpp, genießt das befremdliche Parfum, bläst eine Melodie auf einem Sprachhalm und betrachtet die skurril geformten Früchte, die um ihn herum wachsen.

Das Erstaunlichste an den Gedichten dieses Vertreters einer Metropolen-Avantgarde ist die Allgegenwart der Natur. Der Titel dieses Gedichtbandes ist programmatisch zu verstehen. Hans Arps experimentelles Spiel vereint abstrakte Formkonstellationen mit sehr sinnlichen Visionen. Der Dichter schöpft seine einleuchtenden Bilder aus Fauna und Flora, der Märchen-, Sagen- und Legendenwelt und später immer mehr aus den Objets Trouvés in seinem Atelier. So entsteht ein eigentümlicher, sehr amüsanter Kosmos aus Stühlen, Knöpfen und Nähfäden, zwischen denen Pharaonen einherstolzieren und träge Fische ihre Bahnen ziehen und mit den Kiemen wedeln. Die Objekte sind beseelt: „gott ist den zylinderhüten angeboren.“

Verbunden durch die schöpferische Kraft des Dichters kreisen die Gegenstände wie Mobiles im Raum und ziehen Dank einer geheimnisvollen Schwerkraft die absonderlichsten Adjektive an: „die ohrenlosen fässer / die augenlosen säcke / die fünfsinnigen tüten / nein nein sie fliegen nimmermehr davon.“ Beruhigend. Zumal die Dinge insgesamt oft recht aufmüpfig sind. Hin und wieder scheint Arp eine Palastintrige des heiddeggerschen Zeugs anzuzetteln. Vor diesem Hintergrund bekommt Goethes „Zauberlehrling“ mit seinem störrischen „alten Besen“ einen erstaunlich dadaistischen Beigeschmack.

Die dadaistische Collage-Technik ist noch immer eine leistungsstarke Poesiepumpe. Die geschickte Montage von heterogenem Textmaterial hat nichts von ihrer befreienden Wirkung auf das Bewußtsein des Lesers verloren. Man spaziert durch Arps Gedichte wie durch ein Museum voller einleuchtender Ready Mades, verblüffender Objets Trouvés und poetisch knatternder Traummaschinen. Hans Arps Gedichte zeugen von dem ergreifenden Enthusiasmus, den die Avantgarde beim Niederreißen aller literarischer Konventionen verspürt haben muß. Diese Begeisterung für das rücksichtslos Neue in der Kunst teilt sich noch heute ungebrochen mit.

Die revolutionäre Geste des frechen Unsinns, des mutigen Sprachexperiments trägt eine ungeheure Energie in sich. Bei Dada war noch mal alles möglich. Nur kein Respekt, nur keine Bescheidenheit. Die Moderne war noch jung und hatte prächtige Laune. Dem Dichter flog der Lorbeerkranz vom Kopf, und er scheute selbst die eigene Lächerlichkeit nicht: „Ich bin der lange Lebenslang / der zwölfte Sinn im Eierstock / der insgesamte Augustin / im lichten Zelluloserock.“ Der rücksichtslose Mut des insgesamten Augustins zum fröhlichen Experiment beeindruckt gerade heute, wo die Literatur in den ökonomischen Zwängen von Lesbarkeit und Zielgruppenorientierung immer mehr zum zahnlosen Content Provider verflacht.

Wer sich nicht von dem Keulenschlag der gesammelten Werke einschüchtern lassen möchte, findet in der Gedichtauswahl des Zürcher Arche Verlags einen schönen Einstieg in die Lyrik des Skulpteurs, Malers und Schriftstellers Hans Arp. Der Band zeigt deutlich Hans Arps Entwicklung vom fröhlichen, übermütigen Sprachverdreher und fast schon surrealistischen Traumstenographen hin zum melancholischen Verfasser von Meditationen in einfacher, aufs Wesentliche reduzierter Sprache. Arps Altersverse strahlen eine ähnliche metaphysische Leere aus wie die Bahnhofsbilder von Giorgio de Chirico.

Manchen Gedichtzyklus präsentieren die Herausgeber nur in Auszügen. Was zuerst als etwas willkürlicher Eingriff in das dichterische Werk erscheinen mag, gewinnt an editorischer Legitimität, wenn man sich Arps Ästhetik steter Variation desselben Ursprungsmaterials vor Augen führt. Das Herausreißen von Fragmenten aus einem größeren Kontext ist eine erprobte Dada-Praxis. Gedichte waren für Arp immer mehr Materialfundus als olympisches Marmormonument. Immer wieder hat Arp Zeilen aus früheren Gedichten neu miteinander kombiniert. Das sachkundige Nachwort der Dada-Forscherin Harriett Watts rückt Arps Texte in den biographischen und kunstgeschichtlichen Zusammenhang und gibt zahlreiche Beispiele sehr gelungener Gedichtanalysen. Besonders aufschlußreich ist das Wechselspiel zwischen Hans Arps gestalterischen Werken und seinen Texten.

In einem frühen Gedicht klagt Hans Arp: „weh unser guter kaspar ist tot. / wer trägt nun die brennende fahne im zopf. Wer dreht die kaffeemühle. Wer lockt das idyllische reh. / auf dem meer verwirrte er die schiffe mit dem wörtchen parapluie und die winde nannte er bienenvater. / weh weh weh unser guter kasper ist tot. heiliger bimbam kaspar ist tot.“ Ach was! En avant dada! Dadas Kasperletheater lebt! Und jenes Gipfeltreffen zwischen der Nähmaschine und dem Regenschirm auf einem Operationstisch, das die Surrealisten als das poetische Urereignis schlechthin feierten, verwirrt die Schiffahrt der reinen Vernunft noch immer aufs Erfrischendste.

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Hans Arp: ich bin in der natur geboren. Ausgewählte Gedichte.
Herausgegeben von Hans Bolliger, Guido Magnaguagno und Harriett Watts.
Mit einem Nachwort von Harriett Watts.
Arche Verlag, Zürich – Hamburg 2002.
140 Seiten, 14,90 Euro.

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