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Andrew Vachss: "Born Bad. Stories" (SZ)

Wegpusten!

Der Anwalt Andrew Vachss greift in seiner Freizeit gern zur abgesägten Schrotflinte: "Born Bad" (SZ, 28.11.02)

Andrew Vachss ist Anwalt und ein Satansbraten. Zumindest inszeniert er sich gerne als ein solcher. Auf Fotos posiert er mit hechelnden Kampfhunden. Er selbst trägt schwarzen Anzug, Krawatte, weißes Hemd und blickt drein wie der Fürst der Unterwelt in Begleitung eines seiner Lieblingshöllenhunde. Auf seiner Website erzählt er die Geschichte all seiner adoptierten Hunde. Er liebt sie testosterongesättigt und ab einer Bißkraft von mindestens einer Tonne pro Fangzahn. Ausgesetzte Welpen rettet er von der städtischen Müllkippe. Das gibt ihm Ghetto-Credibility. Vachss erinnert an den gut gekleideten Vollstrecker mit der alttestamentarischen Gerechtigkeitsauffassung aus Quentin Tarrantinos Film „Pulp Fiction“. In Vachss´ Büchern herrscht das Gesetz des Talion: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Die Höllenhunde zeigen die Zähne und Vachss selbst trägt eine Augenklappe, womit er signalisieren möchte: Ein Auge habe ich bei dem harten Kampf da draußen schon verloren. Das wird mich und meine Hunde aber nicht davon abhalten, weiter zu kämpfen. Vachss hat die Psyche eines Terminators mit Helfersyndrom.

In seinen Stories führt er seine Figuren an den Rand der Gesellschaft. Dorthin, wo sie ausfranst zu brutalen Gangs, Einzelkämpfern und Gesetzeslosen. In diesen Gegenden sind die Ratten größer als Hunde. Und die Menschen Ratten. In den U-Bahn-Tunnels glühen die Graffiti wie bunte Menetekel auf den schwitzenden Betonwänden. In der Männermode dominiert hier das Schulterhalfter. Glühende Kühlergrills fressen sich durch die Nacht, Zigarettenspitzen brennen Löcher in den schweren Vorhang der Dunkelheit. Dahinter lauert schon das Grauen. Amerika, Land des Schokomuffins und des Serienmordes. Vachss ist der Meister des düster schimmernden Endzeit-Pulps. Er schreibt apokalyptischen Trash. Die Figuren rasen mit tiefergelegten Chevrolets durch einen Dekor, den sich der Autor offensichtlich aus den ausrangierten Kulissen von John Carpenters New-York-Apokalypse „Die Klapperschlange“ zusammengeklaubt hat.

Wenige können ein giftig dampfendes Gewerbegebiet so korrosiv heraufbeschwören wie Vachss, wenige können in einem Nachtstück von zwei, drei Seiten einen mörderischen Deal auf einer qualmenden Junk Yard so bedrohlich skizzieren. Vachss´ schreibt Großstadtdschungelprosa. Seine Sätze sind von handlichem Faustfeuerwaffen-Kaliber. Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist die Mordgeschicht. Der Metropolenguerillero kann sich keinen verschnörkelten Ballast erlauben. Was apokalyptische Metropolenatmosphäre angeht, ist Vachss der Meister des Roman Noir. Schwarz, schwärzer, Vachss. Er kocht seine Texte immer noch zwei, drei Minuten länger als alle andere Hard-Boiled-Autoren.

Doch leider bestehen Vachss´ Geschichten nicht nur aus grausig schillerndem populärmythologischem Dekor, sondern haben auch Figuren. Und die sind nicht von Pappe, sondern immer aus dem gleichen Holz geschnitzt: das unschuldige Opfer, das mordende, schlachtende, vergewaltigende Raubtier und der schweigsame Vollstrecker, der pünktlich im letzten Absatz diese gottverdammte Müllhalde von Welt durch einen Schuß, Schlag oder Gurgelschnitt wieder der Gerechtigkeit zuführt. In einer Story hängt am Auto eines Vergewaltigers ein blutiger Armstumpf als Menetekel einer bald drohenden, höheren Gerechtigkeit: „Ein schwerer, hakenförmiger Dorn baumelte am Türgriff, schwang sanft in der nächtlichen Brise. Der dicke untere Teil war mit Fleisch verkrustet, an der Wurzel abgerissen und blutig.“ Vachss Allegorien stammen aus den Drohkulissen der Mafia. Der Arm der Gerechtigkeit baumelt im Nachtwind, gleich läutet die Stunde der Lynchjustiz. Wo Justitia versagt, beginnt das Reich von Selbstjustitia.

Nach seinen öffentlichen Gerichtsterminen macht sich der Anwalt an seine Feierabendlynchjustiz. Andrew Vachss übt den ehrenwerten Beruf des Anwaltes für mißbrauchte Kinder aus. In seiner aggressiven Öffentlichkeitsarbeit macht er viel Lärm um seine Rolle als Retter von unschuldigen Kinder und geschundenen Hunden. In seinen Stories mißbraucht er all die grausigen Verbrechen als willkommenes Alibi für seine pubertären, machistischen Lynchphantasien. Im gewalttätigen Alleingang exerziert der Erzähler in jeder seiner Geschichten die tödliche Verschärfung des Sexualstrafrechts. Die kitschig schillernde Kinderträne rechtfertigt den Rachefeldzug seiner Samariter mit Killerinstinkt. Gegen offenherziges Morden in der Kriminalliteratur ist nichts einzuwenden. Aber selbstgefällige Schlachtszenarien im Namen von konsensheischenden moralischen Banalitäten sind widerwärtig. Der moralische Kitsch führt den ästhetischen im Schlepptau. Vachss gefällt sich in der Rolle des Advocatus diaboli. Seine Racheteufel holen sich nur die verdorbenen Seelen. Unter dem moralischen Deckmäntelchen der Advokatenrobe steckt die durchgeladene Magnum. Im berauschenden Glücksmoment des archaischen Lynchmordes laufen der Dichter und seine Henker zu Hochform auf. Der Leser bekommt das unangenehme Gefühl, am Ende einer jeden Story einen Stimmzettel für die Todesstrafe abgeben zu müssen.

Vachss´ größter Feind ist der Therapeut. Der Therapeut ist ein Waschlappen mit Fusselbart und ein schleimiger Spaßverderber. Er hängt dem lächerlichen Irrglauben an, der Mensch sei noch zu retten. Ist er aber nicht. Für Vachss ist klar: Der menschliche Abschaum ist bis ins letzte Aminosäurenmolekül schlecht. Rettungslos verdorben. Born Bad. Und wer böse geboren wurde, wird umgepustet. In fast jeder Geschichte taucht ein lächerlicher oder korrupter Therapeut auf, der daran Schuld ist, daß die Schmökels dieser Welt die Mädchenpensionate unsicher machen. Für die verschlagensten Therapeuten erfindet Vachss eine Spezialbehandlung: „Jetzt habe ich einen knapp ein Meter langen Klavierdraht und an beiden Enden einen kleinen Gummiball. Die Gummibälle passen perfekt, einer in jede Hand.“ Nichts für zartbesaitete Pianisten: Der pädophile Seelenklempner wird kurzerhand garrotiert. Vachss plädiert für die Sensemann-Therapie. Bei so viel schäumendem Haß beschleicht einen das Gefühl, eine Therapie könnte dem selbstgerechten Schreibsöldner Vachss vielleicht nicht schaden.

Andrew Vachss muß dasselbe Weltbild wie der hanseatische Amtsrichter Ronald Barnabas Schill haben. Es ist aus Boulevard-Schlagzeilenbalken gezimmert. In seinem Beruf muß Vachss mühsam die amerikanischen Gesetze auseinander friemeln und sich mit rechtsstaatlichen Offensiven begnügen. In seiner Freizeit krault er die kupierten Ohren seiner infernalen Kampfhundgefolgschaft und entspannt sich mit pubertären Allmachtsphantasien. Seine Stories sind handwerklich perfekt gemacht und konkurrieren mit dem fortschrittlichsten Videospiel-Design: kaleidoskopische Splitter aus der Welt der Ballerspiele, schnelle Dialoge, atmosphärisch dichte Milieuzeichnung und straffe Dramaturgie. Vachss ist der unübertroffene Altmeister des blutrünstigen Selbstjustizthrillers. Doch wer will auf Dauer die Potenzmeiereien eines therapiebedürftigen amerikanischen Schill lesen?

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Andrew Vachss: Born Bad. Stories.
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Jürgen Bürger.
Eichborn Verlag, Frankfurt, 2002.
219 Seiten, 18,90 Euro

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