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Lydia Mischkulnig: "Umarmung" (SZ)

Ich ist zwei andere

Lydia Mischkulnig fährt Achterbahn im Möbiusband der weiblichen Identitäten: "Umarmung" (SZ, 26.01.04)

Zittrig hantiert der männliche Kritiker mit seinem phallokrakeligen Bleistift zwischen den Zeilen. Schamlos besudelt er das virginale Weiß des chlor- und säurefrei gebleichten Papiers mit den tintenklecksenden Ejakulationen seiner beckmesserisch pulsierenden Zirbeldrüse. Alterungsbeständig die Seiten des Buches, schnell vergilbend die Bögen der Journaille. Gebärende war die fruchtbare Autorin, steril Mäkelnder bleibt der furchtbare Kritiker. Er entreißt das Werk dem großzügigen Schoß der allumfassenden Musenmatrix, um es mit jener persistenten Penetranz zu durchdringen, die er mit seinen Geschlechtsgenossen teilt.

So oder ähnlich liest sich streckenweise die Emanzerlprosa der österreichischen Autorin Lydia Muschkulnig, und das ist ja erst einmal lustig. Man muß den Jargon ihres neuen Romans nur als ein stilistisches Merkmal des befremdlichen Genres der Psycho-Phantastik akzeptieren. Und tatsächlich ist „Umarmung“ zuallererst eine Gespenstergeschichte. Über Wien ist der Abend hereingebrochen, und die Ich-Erzählerin setzt sich mit Kantorowicz´ Buch über die zwei Körper des Königs und einer Tasse Bergamotte-Tee zur Lektüre. Draußen ist Schneegestöber, aus der Teetasse entfaltet sich das modrige Aroma der Bergamotte-Birne. Geisterstunde. Im Schrank tickt der Holzwurm wie in einem Sarg. Plötzlich läutet es an der Tür. Herein tritt LM, beste Freundin und Doppelgängerin der Erzählerin. Beide schreiben an einem Text über eine dritte Frauengestalt, Agathe. Agathe ist polymorph und absorbiert alle Phantasien der Frauen. Es beginnt eine irrwitzige Fantasie über eine protheische Dreifaltigkeit, in der sich die Biographien der drei Figuren voneinander nähren.

Lydia Mischkulnig feiert den Karneval der Kreation, sie schickt den Leser auf die Karussellfahrt von drei Figuren auf der Suche nach ihrem Autor. Die österreichische Autorin sieht sich als Avantgardistin und fährt Achterbahn im Möbiusband der weiblichen Identitäten. Es geht ihr um den Vampirismus des Schriftstellers an seiner Biographie, um komplexe Schizophrenie, das Unbehagen im eigenen Körper und natürlich um die Entfremdung der Frau unter dem Blick, den Händen und dem Körper des Mannes. LM ist bei ihrer Arbeit aus Versehen in den Körper Agathes geschlüpft und kommt nun nicht mehr hinaus. Mischkulnig schildert die Identifikation des Autors mit seiner Figur plastisch und klebrig wie in einem Horrorfilm. LM steigt in Agathes Körperhülle und befindet sich für den Rest des Romans im Körper des Feindes. Die Grenzen zwischen den Figuren verschwimmen. Mischkulnig entwirft ein Universum der wandelnden Seelen. Die Erzählerin arbeitet als Restauratorin in der Kapuzinergruft und ihr Mann ist Präparator. Solche Berufe geben ausreichend Gelegenheiten zu allerlei österreichischem Totentanz. So weit, so morbid. Die Erzählung von der Autorin und ihren unterschiedlichen Wiedergängern bietet passagenweise einige recht detailfreudig gezeichnete Gespensterfantasien. Gelingt es einem, den Diskursroman als neurotischres Horrorkabinett zu lesen, wird man sich möglicherweise ab und an amüsieren.

Doch schnell bekommt man genug von Mischkulnigs willkürlichen Assoziationsritten durch die Themenkomplexe Lactophobie, Waschzwang, Knochensplitter und Totenkult. Der hysterische Ego-Terror dieser in Leib und Seele fremdelnden Frauen ist nervtötend. Man kann sich an einigen geschickt arrangierten thematischen Echos erfreuen, doch leider mißbraucht die Autorin ihre Leitmotive, um willkürlich banale Alltagsbeobachtungen zu verklammern. Nachdem Agathe die unterschiedlichsten Inkarnationen durchlaufen hat, verwandelt sie sich schließlich in Nofretete und muß unter den Computertomographen, was sicher auch interessante Schnappschüsse gibt. Das alles bedeutet allerdings so viel, daß es irgendwann gar nichts mehr bedeutet. Man könnte es auch semiotischen Overkill oder metaphorische Überdeterminierung nennen. Mischkulnig lädt ihren Text mit Bedeutungen auf, bis es irgendwann einen Kurzschluß gibt und das Licht ausgeht. Dabei schwadroniert sie in unkontrolliertem Kaffeehausparlando über Gott, die Welt und Österreich. Die Priester sind pädophil und die Restaurant auch nicht mehr das, was sie mal waren. Hin und wieder gelingen Mischkulnig frappante Bilder und recht poetisch geführte Assoziationsketten. Doch zwischen solchen Höhepunkten liegt zu viel Prosaschutt, durch den ihre Psycho-Zombies stolpern und staksen. Vollmundig verspricht der Klappentext einen „literarischen Text“. Nun lesen wir literarische Texte natürlich besonders gerne. Doch in diesem Text wird entschieden zu viel geschwätzt.

Mischkulnig leidet an der penetranten Bildungshuberei einer frisch gebackenen Abiturientin, die auf dem Abschlußball noch einmal all ihren Paukern zeigen will, was sie so alles gelernt hat. Kein Lächeln, ohne daß zum Vergleich eine Maria lactans aus der Kunstgeschichte herbeizitiert würde. Jede Mumie bekommt eine ägyptische Götterstatue als Grabbeilage. Irgendwann findet sogar Kafkas skurriles Plüschwesen Odradek sein Plätzchen in diesem österreichischen Friedhof der Kuscheltiere. Schließlich wird in diesem sperrigen und zähen Seminartext zu Neurose und Schizophrenie assoziativ so wahllos herumgewurschtelt, daß man jegliche Geduld verliert und gegen Ende gar an der Existenz einer gemeinsamen Sprache zwischen Österreichern und Deutschen zweifelt. Was genau will Frau Mischkulnig? Das Gleiche wie Frau Bachmann? Oder eher so was wie Frau Jelinek? Irgendwann bekommt man eine Maulsperre vom Gähnen. Nun ist das vielleicht das subversive Konzept des Textes: das männliche Hirn durch Einschläfern stillzulegen und so die Phallokratie zu stürzen. Befreiung durch Langeweile. Einschläferungsstrategien. In einer Passage witzelt die Erzählerin über die Verwandtschaft zwischen dem Verb modern und dem Adjektiv modern, und es drängt sich der Verdacht auf, daß der Autorin bei all ihren verkrampften Anstrengungen, modern zu wirken, dieser gewollt avantgardistische Text unter der Hand vermodert ist.

Es ist spät geworden. Der Tee ist kalt. Er riecht modriger und moderner denn je. Im Kopf breitet sich eine dicke Schicht Schnee aus und kühlt die heiße Stirn. Langsam schwillt dem phallokrakeligen Kritiker der Hahnenkamm ab, und er legt sich schlafen.

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Lydia Mischkulnig: Umarmung. Roman.
Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart München 2002.
269 Seiten, 22,90 Euro

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