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Markus Söder: Eine heimliche Annäherung im Bierzelt (stern)

Mein Auftrag war unmissverständlich: Söder-Annäherung in der heißen Phase des Wahlkampfs. Mein Problem: Das Zielobjekt will nicht. Jetzt heißt es, von Söder lernen. Denn wer kennt sich besser mit Zurückweisung aus als er? Niemand wollte ihn. Trotzdem wurde er Ministerpräsident. Also müsste man mit seinen Maximen doch ans Ziel kommen. Erstes, allererstes Söder-Prinzip: Die Schlacht wird in der Provinz gewonnen. Am allerbesten: im Bierzelt!

Rummel auf dem Viehmarktplatz in Moosburg an der Isar. 18.000 Einwohner, Kanalsanierung ist hier gerade das große Urban-Projekt, vorher aber, also gleich, kommt – der Söder. Auf der anderen Straßenseite wartet ein kleiner Trupp von der AfD, darunter auch Markus Schirling, der 2014 auf der Zugspitze den Hitlergruß zeigte. Das halbe Dutzend ist aber Söders kleinstes Problem. Gleich gegenüber dem Bierzelt veranstalten etwa 600 Gegner einer dritten Startbahn am Münchner Flughafen eine Protestkundgebung. Sie haben einen Fluglärmsimulator aufgebaut und wollen den Ministerpräsidenten zur Begrüßung durch ein Schmäh-Spalier laufen lassen. Ihre Parole: "Lasst Euch Bayern nicht versödern." Viele derbe Typen in Lederhosen, die man eher im CSU-Festzelt als auf einer Anti-Söder-Demo vermuten würde. Einer sagt, das sei halt so ein linker Franke. Mit "link" meint er so etwas wie hundsföttisch.

Vor sechs Monaten hat Söder den Seehofer aus der Staatskanzlei gejagt. Seither ist Bayern so rebellisch wie nie. Demonstriert wird wahlweise gegen ein neues Polizeigesetz, Rassismus oder Wohnungspolitik. Viele der Protestler hier sagen, sie wissen gar nicht, wofür Söder stehe. Was will er sein: ätzender Provokateur, der Stimmung gegen Asylsuchende macht? Oder gütiger Landesvater, der mit dem Füllhorn durch sein Reich marschiert?

Plötzlich Buh-Rufe. Eiligen Schrittes naht das "Söder Team", ein Dutzend schneidiger Wahlkampfhelfer der Jungen Union. Sie stratzen durch die höhnende Menge und sammeln sich am Autoscooter – geschafft. Jetzt wollen sie etwas mehr Willkommenskultur für ihren Söder nach Moosburg bringen. Zweites Söder-Prinzip: Alle Wege zur Macht führen über die "Junge Union". Wer wüsste das besser als der Ministerpräsident, der acht Jahre lang ihr bayerischer Landesvorsitzender war, vorlaut, immer bereit zur Provokation. Also werfe ich mich schnell an die Jugend heran: "Hallo, ich schreibe ein Porträt über Söder, wie geht's?" Man zeigt sich hoch motiviert, man will sich durch die schlechten Umfragen nicht entmutigen lassen. Man lächelt tapfer.

Kaum habe ich mich im wärmenden Schutzkokon der "Jungen Union" eingenistet, kommt das dritte Söder-Prinzip zur Anwendung: Netzwerke knüpfen, auf Teufel komm raus. Schon habe ich Staatskanzleichef Dr. Florian Herrmann am Wickel, der mir höchst vertraulich steckt, Söder verkörpere Intelligenz und Dynamik, wunderbar, erste Insiderinfo.

Söder wird Dr. Herrmann später im Bierzelt als engen Vertrauten vorstellen, wird sagen: "Es gibt politische Freunde und echte Freunde, und das ist nicht immer dasselbe, ich muss es ja wissen." Dann wird er zu verstehen geben, Herrmann sei ein echter Freund. Zwar wird Söder drei Tage später dasselbe über einen Allgäuer Lokalmatador sagen, aber egal. Dr. Herrmann soll jetzt bitte auch mein Freund sein. Und um mir schnell noch einen weiteren Amigo zu machen, wanze ich mich an den Bundestagsabgeordneten Erich Irlstorfer heran, einen knorrigen Vollblutpolitiker. Der fiebert sofort drauf los: "Söder schon mal live erlebt? Kraftpaket! Müssen's kennenlernen!" Der MdB grinst wie ein Räuberhauptmann. Ich lächle wie Baby Schimmerlos. Meine Hausmacht steht.

Leichter Nieselregen setzt ein. Staatskanzleichef und Abgeordneter spannen CSU-Schirme auf. Eine Wein-, Leberknödel- oder Hopfenkönigin stellt sich bei den beiden unter und mustert mich mit glühendem Blick. Der kann man nix vormachen. Also fernhalten. Wie Söder bin ich jetzt ganz Instinktpolitiker. Der Staatskanzleichef schaut in Richtung Demonstranten, sagt nervös: "Wir gehen gleich zügig, bleiben nicht stehen." Die Wein-, Leberknödel- oder Hopfenkönigin ergänzt tapfer: "Aber wir erwecken auch nicht den Eindruck von Gejagten." Dann geht ein Strahlen über die Gesichter. Er ist da!

(Vollständige Reportage auf stern.de)

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