Am Wochenende fummeln und kopulieren sie in dieser Nische wieder,
verschwitzte, zugedröhnte Clubber. Heute liegt hier der erfolgreichste
Pianist der Welt auf einer Ledercouch und macht ein Nickerchen. Lang Lang
sammelt Kräfte für den ersten Satz von Beethovens Klaviersonate Nr. 23 in
f-Moll op. 57. “Appassionata”. Die Leidenschaftliche.
Auf seiner Nase eine verrutschte 3D-Brille. Vor ihm auf dem Kontrollmonitor
ist der Starpianist beim Klavierspiel zu beobachten. Betrachtet man die
Aufzeichnung ohne 3D-Brille, zerlaufen die Konturen in allen
Regenbogenfarben.
Im Berliner “Berghain”, laut New York Times einer der heißesten Clubs der
Welt, wird ein 3D-Video mit dem chinesischen Erfolgspianisten gedreht. Chopin
wurde schon eingespielt, nach der Drehpause geht es mit Beethoven und
Prokofiev weiter. Glitzernde Kameras und Monitore sind mit schwarzen Tüchern
abgehängt, damit auf dem glänzenden Klavierlack keine Reflexionen zu sehen
sind. Hinter den Tüchern werkeln die Eingeweihten.
3-D-Produktionen sind zurzeit noch Avantgarde. Nur wenige Nerds wissen, wie
man mit Hilfe eines stereoskopischen Spezialverfahrens bewegte Bilder mit
räumlicher Tiefe erzeugt. Zwei davon sind die japanischen Kameraleute der
NHK CosmoMedia aus New York, die extra für diesen Dreh eingeflogen wurden.
Sie haben 3D-Kamera mitgebracht, die ihre Feuertaufe schon bestanden hat:
Für James Cameron haben die beiden eine Szene von „Avatar“ nachgedreht, dem
erfolgreichsten Film aller Zeiten. In eben jenem Studio, wo auch schon
George Lucas „Star Wars“ gedreht hat. Welche Szene sie damals nachgedreht
haben? „Die Schlussszene“, sagt der 3D-Spezialist. „Die, wo alles
explodiert“.
Für die 3D-Gurus von NHK CosmoMedia ist klar: Der Erfolg von „Avatar“ ist
Wegbereiter für einen gigantischen Markt. Die Elektronikkonzerne stecken
ihre Claims ab. Schon heute ermöglicht Sony den Besitzern einer
Playstation-3-Konsole 3D-Zocken und hat diesen Sommer seinen ersten
3D-Fernseher auf den Markt gebracht. Auch Nintendo hat soeben mit dem
3DS-Handheld den Eintritt in die dritte Dimension angekündigt. Die
Abspielgeräte stehen bereit. Was noch fehlt, ist Content.
Der 28-jährige Klavierstar aus China soll nun die neue Technik mit erhabener
Kulturaura veredeln und gleichzeitig die jungen Nerds, Gamer und Early
Adopter für die E-Musik gewinnen. Denn der Klassik-Markt steckt in einer
tiefen Krise. Das Publikum stirbt langsam aus. Immer verzweifelter versucht
die Industrie, eine jüngere Zuhörerschaft zu erschließen.
Nach zehn Minuten Tiefschlaf wird Lang Lang von einer Assistentin durch
leichten Druck auf den Puls seiner linken Hand geweckt. Vorsichtig, ganz
vorsichtig: Beide Hände sind mit Millionen versichert. Lang Lang schüttelt
sich und eilt zum Steinway-Flügel, den man auf die Tanzfläche im ersten
Stock des kathedralenhohen Lusttempels gehievt hat. Sechs goldene
Steinway-Rollen auf rohem Betonfußboden, Lang Lang in Lackschuhen und
anthrazitfarbenen Anzug.
“5, 4, 3, 2, 1 – Action!”
Und dann explodiert Lang Lang am Klavier.
Mr. Lang, warum bitte soll man sich jetzt auch noch einen 3-D-Film mit Ihnen anschauen?
Das Interview mit Lang Lang erschien am Donnerstag, den 03.09.2010, im "stern" (Heft 36).