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Charlie-Hebdo-Herausgeber Laurent Sourisseau: "Wir haben das Recht auf Karikatur verteidigt. Nun sind andere dran"

Sechs Monate nach dem Anschlag auf die Redaktion des französischen Satiremagazins "Charlie Hebdo" hat Herausgeber Laurent Sourisseau im Hamburger Magazin stern zum ersten Mal in einem ausführlichen Interview über die Ereignisse von damals und die Entwicklung der Zeitschrift danach gesprochen.

Sourisseau, auch "Riss" genannt, saß bei dem Anschlag am 7. Januar in Paris, bei dem zwölf Menschen ums Leben kamen, mit am Tisch der Redaktionskonferenz. "Der Mann stand anderthalb Meter von mir entfernt und schoss in den Raum. Alles war ganz still. Man hörte nur die Schüsse. Keinen einzigen Schrei. Dann hat er auf mich gezielt. Er hat mir die rechte Schulter zertrümmert." Sourisseau stellte sich tot, bis die Attentäter, die Brüder Kouachi, die Büros verlassen hatten. "Als es zu Ende war, war kein Laut zu hören. Kein Klagen. Kein Wimmern. Da habe ich verstanden, dass die meisten tot waren." Bei dem Terroranschlag kam auch Stéphane Charbonnier ums Leben, der damalige Herausgeber von "Charlie Hebdo".

Im Gespräch mit dem "stern" nahm Charbonniers Nachfolger Sourisseau auch zu den Mohammed-Karikaturen von "Charlie Hebdo" Stellung. Er würde Mohammed heute nicht mehr zeichnen, sagte Sourisseau: "Wir haben Mohammed gezeichnet, um das Prinzip zu verteidigen, dass man zeichnen darf, was man will. Es ist ein wenig seltsam: Man erwartet von uns, dass wir eine Freiheit ausüben, die im Grund niemand mehr zu nutzen wagt. Dabei haben wir unseren Job gemacht. Wir haben das Recht auf Karikatur verteidigt. Nun sind andere dran."

Lesen Sie mein Gespräch mit Laurent Sourisseau im "stern" vom 16.07.2015 (Heft 30/2015).

Goetz

Ein heißer Tag im August 2012. Multiplikatoren-Zusammenkunft im Suhrkamp-Haus im Prenzlauer Berg. Rainald Goetz sollte seinen neuen Roman "Johann Holtrop. Abriss der Gesellschaft" vorstellen. Kleiner grauer Raum, dem man ansah, dass dies hier früher ein Finanzamt gewesen war.

Es war stickig. In einer Ecke lag ein schwarzes Knäuel auf dem Boden: Der dicke Mantel der Suhrkamp-Pressechefin. Seltsames Suhrkamp. Warum trug Frau Dr. Postpischil bei diesem Wetter einen Mantel? Leuchtend und schwer lag er da wie Pantherfell. Auf einem Tisch ein Stapel mit Holtrop-Leseexemplaren. Die Zeit verstrich, es tat sich nichts. Der Smalltalk kam nicht in Gang. Zäh tropfte der Nachmittag in den gleißenden Hinterhof.

Maxim Biller hatte schon die drei obersten Knöpfe seines Hemdes geöffnet und die Ärmel hoch gekrempelt. Ein junger Mann machte Fotos mit einer analogen Olympus-Kamera.

Plötzlich bewegte sich der schwere Mantel. Unter dem Panther leuchtete warholweißes Haar hervor. Goetz stand auf, warf den Presse-Mantel ab, stand im Raum, weisses Hemd, blaues Jackett, makellos vibrierend, sofort angezündet von Kopf bis Fuß. Und während sich das Publikum den Multiplikatoren-Schweiß von der Stirn tupfte, schickte Goetz aus frischem Gesicht ein Lächeln in die Runde. Dann griff er sich ein Leseexemplar seines neuen Romans, reckte es in die Luft wie eine Beute und sagte: "Freude heisst dieser Tag, Zeitballung dieses Objekt. Willkommen bei Suhrkamp."