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Frank Goosen: "Pink Moon" (SZ)

Tresenkost ohne Deko-Petersilie

Via Mond direkt ins Herz: Frank Goosens Vaterroman "Pink Moon" (SZ, 30.03.2006)

Ist die aktuelle Flut von Familienromanen nun eigentlich schon böse neokon oder gehören das rituelle Blättern in Fotoalben und die lustvollen Kletterpartien durch den Stammbaum einfach inzwischen zu den allgemein menschlichen Reflexen gegen zunehmende Unbehaustheit in unserer globalisierten Welt?

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Tanja Dückers: "Der längste Tag des Jahres" (SZ)

Natter im Familienterrarium

Tanja Dückers sucht das Weite: "Der längste Tag des Jahres" (SZ, 24.03.2006)

"Spielzone" hieß Tanja Dückers’ erster Roman aus dem Jahre 1999. Das waren noch Zeiten: Überall standen damals literarische Fräuleinwunder in geblümten Miniröcken auf den Berliner Verkehrsinseln. Umspült von der tosenden Rush Hour der neuen Hauptstadt, ließen sie sich alles Haupthaar, das nicht von einer kecken Sonnenblumenspange zusammengehalten wurde, vom staubteilchengeladenen Metropolenwind zausen und sangen von kurzfristigen Clubabenteuern, von Marios waidwundem Rehblick gestern Nacht an der großen Baßbox und vom sanften Caipi-Blues beim 16.00-Uhr-Brunch in einer Bar, die ein transsexueller Palästinenser oder eine syrische Anarcho-Drag Queen oder ein expatriierter Shaolinmönch in einem ehemaligen Klohäuschen der SS – oder war’s eine ehemalige Stasi-Abhörzentrale? – kurz vor der großen Sonnenfinsternis eingerichtet hatte, weißt du noch?

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Christian Kracht im Dschungel von Paraguay (SZ)

Oh, wie schön ist Paraguay

Deutsche Dekadenzdandys über eine nietzeanische Dschungelutopie von 1887 (SZ, 21.03.2006)

Die Torstraße in Berlin Mitte ist noch eine der wenigen Straßen, in denen sich die hochrenovierte und kulissenhaft zurechtgespachtelte Hauptstadt von ihrer provisorischen Seite zeigt. Ein, zwei Kilometer von Angela Merkels Hauptstadtwohnung entfernt bröselt die Konkursmasse und klaffen die Improvisationsräume. Irgendwo zwischen einem leerstehenden „Cosmetic- und Nail-Art Studio“ und einem Hörgeräte-Shop leuchtet ein nackter Galeriekubus in utopischem Weiß aus der grauen Fassade heraus. Hier entsteht Kunst in inspirierender Nachbarschaft zum Sarg-Discounter.

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Judith Kuckart: "Kaiserstraße" (SZ)

Blümchenmuster auf Seelentapete

Judith Kuckart verfeinert die Lore-Heft-Poetik: "Kaiserstraße" (SZ, 14.03.2006, Literaturbeilage)

Leo und Liz Böwe sind eine dieser bedauernswerten Keimzellen des deutschen Wirtschaftswunders. Was arbeitet der Mensch so in den Fünfzigern? Waschmaschinenvertreter natürlich, denn nichts braucht das schuldbefrachtete Land so sehr wie weiße Laibchen. Wie liebt man so im Bannkreis der Nierentische? Klar, mit spießiger Unaufrichtigkeit, die einem gegen Abend scharfkantig ins Gemüt kiekst wie der Nierentisch ins triste Halbdämmer. Und was ziert das Innere unserer rätselhaften Vorfahren? Schnell vergilbende Blümchenmuster auf der Seelentapete. Was aber, erzähle mir, oh Muse, ist des homo oeconomicus mirabilis innigstes Begehr? Sein ballettanzendes Töchterchen wenn möglich zur RAF-Terroristin zu erziehen, sie mindestens aber schwer zu verkorksen.

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Laurence Cossé: "Der 31. Tag des Monats August" (SZ)

Schwarze Limousine, weiße Nuckelpinne

Die Wiedergeburt von Lady Di: Der 31. Tag des Monats August von Laurence Cossé (SZ, 06.03.06)

Am 31. August 1997, kurz nach Mitternacht, wann sonst, raste ein schwarzer Mercedes gegen einen Pfeiler des Pariser Almatunnels. Im Fond saßen der ägyptische Milliardär Emad, genannt Dodi Al-Fayed, und Lady Spencer, Princess of Wales, genannt Lady Di. Dodi and Di died, die Parzen texten kalauernde Boulevard-Schlagzeilen. Das Leben der ehemaligen Kindergärtnerin Spencer war ein sagenhafter Schundroman, den weder Seiten-, Decken- noch Frontalairbag hätten retten können, und hätte ihn nicht die Wirklichkeit geschrieben, sondern ein Schriftsteller, kein halbwegs zurechnungsfähiger Verlag hätte ihn gedruckt. Königin der Herzen, arabischer Märchenprinz, Chauffeur mit Prozac und Whiskey im sündigen Blut, nächtliche Flucht aus dem Ritz, Tod am Ufer des Flusses aller Liebenden, im Blitzlichtgewitter der Paparazzi verwandelt sich die Seine in den Styx, Verschwörungstheorien sonder Zahl, zum Abspann klimpert Elton John „Candle in the wind“: Herr, hilf! Es gibt wohl wenige Themen, mit denen man einen Roman krachender gegen die Wand fahren kann.

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