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Hans-Ulrich Treichel: "Menschenflug" (SZ)

König Zufall und seine Staatsstreiche

Hans-Ulrich Treichel verwässert ein Flüchtlingsdrama: "Menschenflug" (SZ, 19.08.05)

Stephan ist knapp über fünfzig, Akademischer Rat und in der Midlife Crisis – großer epischer Stoff. Sein Herz stolpert und damit auch sein Leben. Er nimmt ein Sabbatical von seiner Familie, der intelligenten Psychotherapeutin Helen und ihren zwei hübschen, kühlen Töchtern aus erster Ehe. So gerne hätte Stephan einen Satz eigener Töchter, aber in seinem Leben sind selbst die Kinder aus zweiter Hand. In seiner einsiedlerischen Selbstfindungsklause über den Dächern von Berlin Steglitz besinnt sich der leidenschaftslose Mann aus dem akademischen Mittelbau auf das Ursprüngliche zurück: Woher komme, wohin gehe ich?

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Jochen Missfeldt: "Steilküste" (FR)

Ein Nistplatz im Leitz-Ordner

Jochen Missfeldts manieristische Aufarbeitung eines Kriegsverbrechens: "Steilküste" (FR, 18.08.05)

Deutschland, deine Soldaten. Der Krieg ist verloren, Hitler ist tot. Großadmiral Karl Dönitz ist noch für 23 Tage Reichspräsident. Als Kommandeur und Gerichtsherr über die Schnellbootflotte fungiert ein pflichtbewußter Kommodore. Kein Nazi, sondern stolzer Marinesoldat in preußisch-christlicher Tradition. Mehr preußisch als christlich allerdings, aber wie soll das auch gehen, preußisch-christlich? Am 5. Mai 1945 haben die deutschen Truppen die Waffen niederzulegen.

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William Boyd: "Eines Menschen Herz" (SZ)

Der gelüftete Panamahut

William Boyds altmodischer Roman über die Moderne: "Eines Menschen Herz" (SZ, 09.08.05)

Allein schon dieser Titel! Eines Menschen Herz. Der Mensch hat kein Herz. Jedenfalls nicht diese Wellness-Kammer, die sich seit fünfhundert Jahren auf Schmerz reimt. Wenn der Mensch Glück hat, knarrt in seinem Kopf ein interessantes Kaleidoskop. Und kaleidoskopisch ist sein Ich. Und die Moderne hat uns gelehrt, daß dieses Ich ein Anderer ist. Deswegen fordern wir kaleidoskopische Romane mit einer changierenden, sich ständig in Frage stellenden, sich Absatz um Absatz neu erfindenden Sprache, die es sich niemals behäbig im schnurrenden Märchenton unserer Urgroßväter bequem macht. Wir fordern Romane, die wissen, woher sie kommen, und was sie der Tradition hinzuzufügen haben. Deswegen haben wir zum ersten Mal in unserem Leben an die Zurechnungsfähigkeit der akademischen Perückenträger geglaubt, als Elfriede Jelinek den Nobelpreis bekam und Brigitte Kronauer den Bremer Literaturpreis. Es war, als würden endlich einmal alle aufwachen.

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