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Lukas Hammerstein: "Die 120 Tage von Berlin" (SZ)

Pseudo-Pippis im Büroturm Kunterbunt

Lukas Hammerstein simuliert die Subversion: "Die 120 Tage von Berlin" (SZ, 29.09.03)

Obwohl man als Rezensent mittlerweile Berlin-Romane so gerne in die Hand nimmt wie ein Venture-Capitalist Strategiepapiere für tolle Dot-Com-Firmengründungen, liest sich der dramaturgische Busineßplan von Lukas Hammersteins Prosa-Unternehmung erst einmal vielversprechend: Die Berliner Immobilienblase ist geplatzt, die Rezession läuft auf Hochtouren, und der Leerstand in den Glaspalästen am Potsdamer Platz ist beeindruckend. Ein paar quirlige Szeneleute schlagen den gebeutelten Immobilienmanagern vor, für 120 Tage in ein leeres Hochhaus zu ziehen, um mit simulierter Geschäftigkeit neue Mieter für die tote Immobilie anzuziehen. Das Hochhaus heißt Placebis, was als Placebo-Name für die Debis-Zentrale zu verstehen ist, und den Lateinern unter den Lesern als erfrischende Konjugationsübung dienen mag. Die Pseudo-Mieter finden für vier Monate in dem Placebis-Glasturm Raum für all das, was Claudia Roth im besonderen und die Szene im allgemeinen unter dem Begriff „Projekte“ subsumiert.

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Jack M. Bickham: "Short Story. Die amerikanische Kunst, Geschichten zu erzählen" (SZ)

Aristoteles Superstar

Jack M. Bickham hypnotisiert die Musen: "Short Story. Die amerikanische Kunst, Geschichten zu erzählen" (SZ, 16.09.03)

Der größte Hollywoodstar lebte von 384-322 v. Chr. und hieß Aristoteles. Seit in Kalifornien ein Drehbuchautor das erste Mal „FADE IN“ auf sein weißes Blatt Papier schrieb, macht man sich in Hollywood Gedanken darüber, welche Gesetze die darauf folgenden 120 Seiten regieren sollen. Unüberschaubar ist die Menge an Ratgebern, die sich zur Aufgabe gestellt haben, die Kunst des Drehbuchschreibens zu ergründen. Ausnahmslos gründen sie ihre Ästhetik auf die aristotelische Poetik. Die dramaturgischen Gesetze der antiken Tragödie sollen vor millionenschweren Fehlinvestitionen schützen. Die Matrix des Aristoteles wird als Generator für die Blockbuster von morgen benutzt. Aus den zahllosen Versionen einer vulgarisierten „Poietik“ entwickelte sich die amerikanische Creative-Writing-Bewegung, die Hollywoods Gesetze auch für den Bereich der belletristischen Prosa adaptierte. Wieder ist die Menge der Schreibanleitungen unüberschaubar, und es ist wahrlich schwer, noch eine Nische für ein neues Aristoteles-Remake zu finden. Jack M. Bickham ist es gelungen: er macht uns jetzt den Short-Story-Aristoteles.

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Friedmar Apel: "Das Buch Fritze" (SZ)

Im Zweifelsfalle Kalle

Ein Philologe prahlt mit seinem Alter Ego: Friedmar Apels "Das Buch Fritze" (SZ, 01.09.03)

Fritze ist nicht mehr zu retten. Der Mann hat Potential, doch ein böser Teufel reitet ihn. Was könnte Fritze nicht alles werden: Bauzeichner, Versicherungsmanager, ja vielleicht sogar Literaturwissenschaftler in Bielefeld wie sein Schöpfer Friedmar Apel. Aber in Fritze nagt die Sehnsucht nach dem ganz anderen Leben, nach Freiheit, Abenteuer und Rock ’n’ Roll. Und was rockt weniger als Bielefeld und Literaturwissenschaft?

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