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Kathrin Schmidt: "Koenigs Kinder" (SZ)

Familienaufstellung im Speckgürtel

Kathrin Schmidt konstruiert ein dynastisches Puzzle: "Koenigs Kinder" (SZ, 18.03.03)

Kehlkopf-Schlitzer flickt sein Opfer!

Der Rechtsanwalt Marl findet an einer Tankstelle im Osten Berlins ein ausgesetztes Mädchen, dem die Kehle durchgeschnitten und wieder zusammengenäht wurde. Was gewöhnlich Stoff für Boulevardschlagzeilen ist, benutzt Kathrin Schmidt in ihrem neuen Roman als Anlaß zu einem großen Tableau komplexer, überkreuz konstruierter Psychostudien. Eine derart gewalttätige Romaneröffnung wirkt wie eine literarische Wette: Die Autorin engagiert sich, einen besonders gewagten Stoff einfühlsam zu gestalten. Kathrin Schmidt gewinnt diese Wette mit Bravour.

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Anna Gavalda: "Ich habe sie geliebt" (SZ)

Heul doch

Anna Gavalda massiert die Tränendrüsen: "Ich habe sie geliebt" (SZ, 17.03.03)

Formidable! Époustouflant! Génial! Frankreich hat nicht nur eine ähnlich hohe Nettohaushaltsverschuldung wie Deutschland, sondern auch seine literarischen Fräuleinwunder. Anna Gavalda gehört zu diesen Mademoiselles Miracle. Und weil die französische Literaturkritik generell einen Hang zu Sprechblasen aus dem Rosenwasserschaumbad und zu Patschuli-Beweihräucherungen hat, liest man über Gavaldas neuen Roman, er zeuge von einer besonderen „Intelligenz des Herzens“ und der gewissen „Musik einer Schriftstellerin“. Lauschen wir also der Musik dieses intelligenten Schriftstellerherzens.

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James Hamilton-Paterson: "JayJay" (Radio Kultur)

Die Toskana-Fraktion Ihrer Majestät

James Hamilton-Patersons Hochstapler-Roman "JayJay" (SFB, Radio Kultur)

Der englische Autor James Hamilton-Paterson spielt in seinem neuen Roman mit Biographien. Zuallererst mit seiner eigenen. Der nachnamenlose britische Schriftsteller James macht beim Einkauf in seinem toskanischen Kreativexil Bekanntschaft mit einem distinguierten älteren Gentleman. An der Kasse des Tante-Emma-Ladens bittet ihn der Herr mit den perfekten Umgangsformen kurzerhand, seine Biographie zu verfassen. Der forsche Gentleman ist sich seiner Sache sicher: „Schreiberlinge geiern ständig nach neuen Angeboten.“ Der Herr kennt sich aus. Die beiden Hügelnachbarn treffen sich regelmäßig bei Espresso und Panoramablick und werden Freunde. Wie prophezeit, schreibt der Schriftsteller James die Biographie des mysteriösen Raymond Jerningham Jebb, für Freunde kurz: JayJay.

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Marc Buhl: "Der rote Domino" (NZZ)

Der Dichterfürst der Finsternis

Marc Buhl kippelt am Goethe-Denkmal: "Der rote Domino" (NZZ, 12.03.03)

Das Studium der Geisteswissenschaften ist nicht immer ungefährlich für Körper und Geist. Die junge Germanistik-Studentin Bettina forscht über den Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz und entdeckt dabei Skandalöses über sein Verhältnis zu seinem Dichterfreund Goethe. Bettinas Archivfunde sind so brisant, daß sie spurlos verschwindet. Ihre Eltern beauftragen die Textkanzlei des akademischen Ghostwriters Udo Stahl, ihre Tochter wiederzufinden. Zusammen mit seinem Assistenten Drexler macht sich der abgeklärte Stahl auf die Suche nach der verschollenen Germanistin. Die beiden Textdetektive jagen bald einem Konvolut von kompromittierenden Briefen aus der Korrespondenz zwischen Goethe und Lenz hinterher. Diese Recherche führt Stahl nach Rußland, wo er bibliophiler Beutekunst nachspürt. Das Weimarer Goethe-Archiv stellt sich bald als ein zwielichtiger Apparat mit besten Verbindungen zur bibliophilen Russenmafia heraus. Die Geisteswissenschaften sind ein Thriller.

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Gerhard Henschel: "Die Liebenden" (SZ)

Die Liebe in den Zeiten der Märklin-Kataloge

Gerhard Henschel präsentiert einen Trumm aus dem Steinbruch der Geschichte: "Die Liebenden" (SZ, 07.03.03)

Anfang des Jahres 2000 besuchte der Satiriker Gerhard Henschel eines jener Literaturseminare, die der Schriftsteller Walter Kempowski regelmäßig in seinem Landhaus „Kreienhoop“ bei Hamburg veranstaltet. Das Seminar beim geduldigen Archivar am Echolot muß ein einschneidendes Erlebnis gewesen sein, denn zwei Jahre später gibt Henschel eine überwältigende Archäologie der deutschen Nachkriegszeit heraus. Seine großartige Familiensaga in bearbeiteten Originalbriefen steht ganz in der Tradition der dokumentarischen Collagen Kempowskis.

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