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Henning Ahrens: "Lauf Jäger lauf" (SZ)

Zorro im Wunderland

Henning Ahrens verjagt den Zeitgeist: "Lauf Jäger lauf" (SZ, 20.03.02)

Oskar Zorrow jagt im ICE durch die Tiefebene der Wirklichkeit. Vom Bahndamm aus verhext ihn ein Fuchs mit bernsteingelben Augen. Zorrow ist gebannt und muß raus zum Märchenfuchs. Der archaische Jagdtrieb ist stärker als zweitausend DB-PS. Zorrow zieht die Notbremse und verläßt fluchtartig die High-Tech-Welt der Fließquarzanzeigen, Hydrauliktüren und Klimaanlagen. Je weiter er sich von Schienen und Fahrplänen entfernt, desto tiefer taucht er in eine sumpfige Traumwelt ein. Bewaffnete Männer fassen, fesseln und verschleppen ihn. Zorrow gerät in das undurchsichtige Wirken einer skurrilen Logenbruderschaft von zwei Männern und einer dichtenden Frau, die unter der Fuchtel des ungemütlichen Malers John Isegrim Reineke-Schmutz auf einem verfallenen Gutshof als „Widergänger“ konspirieren. Ihre Verschwörung richtet sich vor allem gegen die Tiefebene der Wirklichkeit, denn sie phantasieren äußerst lebhaft in den spukenden Gemäuern des alten Bauernhofs.

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Christa Wolf: "Leibhaftig" (FR)

Kassandra im Kernspintomographen

Christa Wolfs Erzählung "Leibhaftig" (FR, 20.03.02)

DDR, 1988. Eine namenlose Frau ist sehr krank. Kurz vor Mauer- erleidet sie einen Blinddarmdurchbruch. Doch die Krankheit entpuppt sich als weitaus spektakulärer. Im „Bauchraum“ geht es mysteriös zu. Im Zentrum dieser Ich-Erzählerin, in ihrer anatomischen Mitte scheint ein bösartiges Geschwür zu nisten, sich Zelle um Zelle das Böse an sich zu teilen. Irgendwie, denn bei Christa Wolf leidet die Präzision der medizinischen Diagnose unter der Schwammigkeit des metaphorischen Geraunes.

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Hermann Kant: "Okarina" (FAZ)

VEB Schmetterlingsfarm

Hermann Kant beschwört die Geschichte der DDR mit einer eiförmigen Gefäßflöte: "Okarina" (FAZ, 19.03.02)

Hermann Kant kennt mehr Wahrheiten als das offensichtliche Zusammenspiel der nackten Fakten. Dem ehemaligen Präsidenten des DDR Schriftstellerverbandes geht es um die höhere Wahrheit: „Vor dem Ereignis, das als Wende beschrieben steht, und über dieses hinaus hatte ich ein Organ gelesen, das ENDE hieß. Natürlich hieß es nicht ENDE, aber da in Geschichte statt der führenden eine höhere Wahrheit herrscht, soll es hier so heißen.“ Das neue Deutschland ist am Ende. Die Wahrheit hat mindestens zwei Stockwerke: Basis und Überbau. Kant bewegt sich im Überbau. So hat er mit „Okarina“ einen autobiographischen Roman verfaßt, der mit historischen Ereignissen spielt, sie verkleidet und verschlüsselt. Kant sucht und gestaltet die poetische und sozialistische Wahrheit in der Geschichte.

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Jorge Volpi: "Das Klingsor-Paradox" (FR)

Gödel, Hitler, Quarks

Jorge Volpis Gedankenroman "Das Klingsor-Paradox" (FR, 07.03.02)

Unberechenbar ist der Weltenlauf, chaotisch das Universum. Wild schütteln die Pferdekopfnebel ihre zottigen Sternenmähnen in den Kosmos, durch das zentrifugale Wurmloch der Waschmaschine verschwindet immer mindestens eine Socke in der Altkleidersammlung der vierten Dimension, unterm Elektronenmikroskop ist die Hölle los, die Elementarteilchen machen die Welle und keiner weiß, ob die Marmeladenstulle gleich auf die Ober- oder Unterseite fallen oder in welcher Ecke des Teilchenbeschleunigers das Elektron nun seine wohlverdiente Brotzeit halten wird. Da hilft die gute alte Verschwörungstheorie, ein bißchen Ordnung in das Universum und die Geschichte zu bringen.

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Valerie Wilson Wesley: "Es wird alles anders bleiben" (FAZ)

New-Jersey-Klopse in Tränenfonds

Valerie Wilson Wesleys Drohschrieb "Es wird alles anders bleiben" (FAZ, 06.03.02)

Hutch und Eva sind ein schwarzes amerikanisches Mittelklasse-Ehepaar in den besten Jahren, und damit ist eigentlich auch schon alles zu Valery Wilson Wesleys neuem Roman gesagt. Eines Nachts, Freitag den 13., gegen zwei Uhr morgens, packt die Midlife &-night-Crisis Hutch am schlaflosen Schopf und zerrt ihn aus den Kissen. Er verläßt das warme Ehebett, sucht seine sieben Sachen zusammen und verläßt seine Eva: „Es herrscht keine Freude zwischen uns.“ Hugh, Hutch. Es dauert exakt ein Jahr und vierhundert Seiten, bis er wieder zu seiner Frau unter die Decke schlüpft und zum süßen Geigenklang des Happy-Ends in den hoffentlich ewigen Schlaf aller überflüssigen Prosahelden fällt.

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