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José Pablo Feinmann: "Die Verbrechen des Van Gogh" (Tagesspiegel)

Tote tragen keine Narrenkappen

José Pablo Feinmanns Pulp-Fiction "Die Verbrechen des Van Gogh" (Tagesspiegel, 18.12.01)

Ein cinephiles Milchgesicht mit übermächtiger Monstermutter im Rücken und einem scharfen Messer in der Gesäßtasche, eine bis zur glühenden Gürtellinie gelähmte, aber noch lange nicht libidoerlöste Mutter im Hitchcockschen Psycho-Rollstuhl, ein zerknautschter Privatdetektiv mit fortschreitender Leber- und Herzzirrhose - investigativer Sympathie- und Trenchträger -, ein weiblicher Hollywood-Tycoon, ein glamouröser Super-Cop, der karrierehungrig auf seiner Zigarettenspitze kaut, die er regelmäßig in die Blitzlichtgewitter der Yellow Press taucht, fünf zur Ader gelassene Tote, ebenso viele abgeschnittene Ohren in einem roten Samttuch und das pfeifenrauchende Phantom von Jack the Ripper in diversen Ohrensesseln: aus diesem eselsohrigen Bastelbogen voller bunter Scherenschnitte hat José Pablo Feinmann seine Pulp-Fiction „Die Verbrechen des Van Gogh“ gestanzt.

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Erich Maria Remarque/Marlene Dietrich: „Sag mir, daß Du mich liebst...“ (SZ)

Leberwurststullen für den Blauen Engel

Erich Maria Remarques Korrespondenz mit Marlene Dietrich (Süddeutsche Zeitung, 08.12.01)

Am 7. September 1937 sitzt Marlene Dietrich mit Joseph von Sternberg im Lido in Venedig beim Mittagessen. Dogenpalast, Bleikammern, Casanova; - stolz wirft sich San Marco das wehende Cape aufstiebender Taubenschwärme um. Ein Herr mit perfekten Manieren tritt aus dem venezianischen Herbstmittag, stellt sich als Erich Maria Remarque vor, gibt der Dame einen vollendeten Handkuß und wird noch in derselben Nacht ihr Liebhaber. Der erfolgreiche Schriftsteller weiß, wie man mit Blauen Engeln spricht: „Ich muß Ihnen etwas gestehen – ich bin impotent.“ Frau Dietrich ist begeistert.

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Ersi Sotiropulos: "Bittere Orangen" (SZ)

Gummitwist mit Schicksalsfäden

Ersi Sotiropoulos' mediterrane Tragikomödie "Bittere Orangen" (Süddeutsche Zeitung, 01.12.01)

In Athen herrscht sirrende Hitze. Lia liegt im Krankenhaus und leidet an einer unerforschten Erkrankung ihres Immunsystems, das fieberhaft gegen imaginäre Viren kämpft und sie dabei innerlich zerfrißt. Regelmäßig bekommt sie Besuch von ihrem Bruder Isidoros, kurz „Sid. Isidoros Vicious. Anwesend.” Sid ist nicht direkt eine Sex Pistol und auch nur gemäßigt revoltiert. Sein Protest drückt sich vorwiegend in lustlosen Spuckattacken in Richtung Fernsehbildschirm aus: „Wenn ich den gelben Blazer treffe, stehe ich auf und hole ein Bier, sagte er und spuckte. Die Spucke flog zum Fernseher und klebte drei Zentimeter unter dem Ziel wie ein zerquetschter Wurm. Du bist fertig, hörst du? Wenn ich den Springbrunnen treffe, trinke ich nichts mehr, sagte er und spuckte wieder. Bingo!“ Sid und Lia verbindet eine leicht kommunikationsgestörte Zärtlichkeit. Am besten können sie geschwisterlich schweigen.

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