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Michael Wallner: "Cliehms Begabung" (NZZ)

Ausritte auf dem Zeitpfeil

Michael Wallners Roman "Cliehms Begabung" (NZZ, 23.12.00)

Die moderne Physik ist ein Zweig der phantastischen Literatur, um ein Zitat von Jorge Luis Borges über die Philosophie abzuwandeln. Michael Wallner lässt diesen Zweig verblüffende Blüten treiben.

Der Physiker Anton Cliehm lebt zusammen mit der Operettensängerin Tilly in provinziellen Verhältnissen. Sein Leben beschränkt sich auf „Sitzen, Aufundabgehen und Rechnen.“ In seinem tristen Büro im mathematischen Institut mit Blick auf eine graue Mauer hat er jahrelang an seiner Theorie der S.O.C.K.S. gerechnet, die eine Gleichzeitigkeit mehrerer paralleler Gegenwarten verspricht. Nach diesem Rechenwerk kann man zwanglos in unterschiedliche, aber gleichzeitige Situationen schlüpfen wie in zwei verschiedenen, nicht zueinander passende Socken. Die Zeit ist ein ungebügeltes Gewebe mit Faltenwürfen. Nach den Strings wechselt die sonderbar besessene Physik nun scheinbar von gewagten Unterwäscheparadigmen zu etwas weniger anzüglichen Fussbekleidungsaxiomen.

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Marko Martin: "Der Prinz von Berlin" (NZZ)

Aus dem Innern der Kuckucksuhr

Marko Martins Debütroman "Der Prinz von Berlin" (NZZ, 19.12.2000)

Der junge Libanese Jamal Kassim wird von seiner Familie nach Berlin geschickt, um sich zum Ingenieur ausbilden zu lassen. Statt der deutschen Wertarbeit entdeckt er die Freiheit des Individuums und darf endlich seine Homosexualität in vollen Zügen ausleben. Feiert er anfangs noch die wundervolle Leichtigkeit des Szenedaseins, gerät er im Laufe seines befristeten Aufenthaltes immer mehr in Kontakt mit der scharfkantigen Wirklichkeit, bis sich der luftig schwebende Ingenieursstudent gegen Ende des Romans als schuftender Bauarbeiter unter Illegalen wiederfindet. Der ehemals hedonistische Partyschwule steht nun knöcheltief im Schlamm und schraubt mit klammen Fingern an den dreckigen Fundamenten des rundum verchromten neuen Berlins. Der Prinz aus dem Orient verwandelt sich zum Billiglohnarbeiter aus dem nahen Osten. Seine Aufenthaltsgenehmigung ist auf vier Jahre begrenzt, doch Jamal will nicht zurück in den Libanon. Nach vielen sentimentalen und dramaturgischen Spitzkehren sorgt die Zweckheirat des Prinzen mit seiner deutschen Seelenverwandten und „Elfenkönigin“ Katja für das Happy End.

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Alexander Terechow: "Rattenjagd" (FR)

It's raining rats

Alexander Terechows Roman "Rattenjagd" (FR 06.12.00)

Ein klassisches Zweiergespann mit etwas ungewöhnlichem Berufsbild: Der Ich-Erzähler und sein Partner, „der Alte“, sind Deratiseure. Die Rattenfänger von Moskau. Im postsowjetischen Rußland laufen die Prosalaboratorien auf Hochtouren. In Alexander Terechows Roman sind die Versuchstiere Ratten. Die Deratiseure haben einen delikaten Ortstermin. Dem Provinznest Swetlojar steht hoher Besuch ins Haus: Der russische Präsident und eine UNO-Delegation haben sich angekündigt. Man will die Herrschaften derart beeindrucken, daß sie Swetlojar zum touristisch wertvollen Ort ernennen. Fördermittel, Devisen, die Kleinstadt hat große Hoffnungen.

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