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Toni Davidson: "Dr. Sad" (FAZ)

Pandämonium mit Anhängerkupplung

Toni Davidsons Romandebüt "Dr. Sad" (FAZ, 25.09.00)

Dr. Curtis Sad leitet eine kleine Therapie-Gruppe in der psychiatrischen Klinik Breathhouse, Schottland. Die klassischen Behandlungsmethoden seiner "Hirnklempner"-Kollegen und ihr akademisches Psychogeschwätz verachtet er, seine alltäglichen "Kaputtniks", Otto und Ottilie Normalverbraucher mit ihren unspektakulären psychotischen Wehwehchen, langweilen ihn, die kahlen Wände seines Sprechzimmers und die schlabbrigen Styroporbecher aus dem Kaffeeautomaten sind nur zu deprimierend. Per Fax korrespondiert er mit seinem amerikanischen Kollegen und Seelenbruder Dr. Wayne Peterson. Die ganze Arbeitswoche über sehnen sich die beiden Avantgarde-Therapeuten nach dem Grandiosen, es dürstet sie nach Pioniertaten auf ihrem Fachgebiet der psychosexuellen Forschung. Am Wochenende entspannt sich Dr. Sad bei erotischen Jugenderinnerungen und verzehrt sich nach den obsessiven Bildern seiner kleinen Schwester Josie, die er als Heranwachsender einsperrte, bedrängte und mißbrauchte.

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Donna Leon: "In Sachen Signora Brunetti" (FAZ)

Großtante of Crime

Donna Leons achter Krimi "In Sachen Signora Brunetti" (FAZ, 23.09.00)

Der venezianische Commissario Guido Brunetti ist glücklich verheiratet mit seiner Paola, einer reichen, gebildeten Adeligen. Einerseits ist Venedig eine der schönsten Städte der Welt, andererseits gibt es in der Dritten Welt Kinderprostitution und Sextourismus. Das kann Paola dank ihrer noblesse du coeur nicht ungesühnt lassen, verläßt das gemütliche Ehebett und wirft in einem nächtlichen Gerechtigkeitsschub einen Stein in die Schaufensterscheibe eines Reisebüros, das Sexreisen in die Dritte Welt anbietet. Und beschlösse der Herrgott dereinst, die große Hure Venedig zu richten, und stieße er auch nur auf eine einzige Frau wie Paola Brunetti, er müßte die ganze dekadente Lagunenstadt verschonen: „´Sextourismus´, hatte sie gezischt und die Zähne dabei so zusammengepreßt, daß Brunetti die Sehnen an ihrem Hals hervortreten sah.“ An ihren Halssehnen sollt Ihr sie erkennen.

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Benjamin von Stuckrad-Barre: "Blackbox" (NZZ)

Aus der Raucherecke

Benjamin von Stuckrad-Barres Textsammlung "Blackbox" (NZZ, 02.09.00)

Und dann kam plötzlich das internetgläubige Dot.com-Jahrtausend, wo es reichte, in seinen Business-Plan einen Terminus technicus aus der Computerwelt zu schreiben, und schon bekam man das benötigte Risikokapital. Für „Blackbox“ hat Benjamin von Stuckrad-Barre seine Schublade geleert oder vielmehr all seine Dokumentenordner ausgedruckt und als strukturelle Klammer über jeden Text eine Vokabel aus dem Index der Hilfsdatei seines PCs geschrieben, wird schon passen. Das erste der 17 Stücke ist eine experimentierende Collage aus Cybervokabular, das eine vage seelische Befindlichkeit einer schemenhaften Personengruppe beschreibt. Windows 98 wird zum Fenster der Seele. Hier sucht Stuckrad-Barre noch nach einer originellen Form.

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