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Bericht vom Chaos Communication Camp 2003 (SZ)

Pack den Datenhandschuh ein

Der Chaos Computer Club versammelt die internationale Hackerszene am See (SZ, 12.08.03)

Am Anfang war das Chaos, und das Chaos lag am GPS Target Waypoint N 52.57959 E 13.69414. Der Chaos Computer Club hatte die internationale Hackerszene in sein Chaos Communication Camp in der Nähe von Berlin geladen. Wüst und leer ist es da draußen an den siebenstelligen Target Waypoints. Plötzlich ist Berlin zu Ende, und das sonnenverbrannte Brandenburger Land liegt so flach und flirrend vor einem wie ein heiß gelaufenes Motherboard, auf dem nur hier und da einzelne Backsteinbauernhöfe liegen wie nachdenklich brütende Mikrochips. Einer davon ist der Paulshof, der in großem Stil auf Pferde setzt.

Schon zum zweiten Mal vermieten die Pferdezüchter ihre staubigen Weiden an die Computerfreaks. Hacker mit Pferdeallergie müssen ihr digitales Avatar als Vertretung schicken. Das Motto des Camps lautet „In fairy dust we trust“, und so sehen die Teilnehmer und ihre Autos auch aus. Zwischen elektrisch tickenden Pferdezäunen und mechanisch zirpenden Grillen versammeln sich an die zweitausend Datencowboys in Dreiviertel-Hosen mit sehr weißen Waden. Das gibt Wadensonnenbrand.

Die digitale Welt bezieht ihre größte Kraft aus Kontrasten: Signal an, Signal aus, 1, 0. So bietet es sich an, das innerste Strukturmerkmal des Computers nach außen zu stülpen und aus der Lust am größtmöglichen Kontrast die subversive Kraft der Maschine in freier Natur zu feiern. Kein besserer Ort für die kurzzeitige Kommandozentrale der Hackbewegung also, als eine Pferdewiese am Waldufer eines wohlgeformten Sees, der aus dem Designatelier von Apple kommen könnte. Der Locus amoenus bekommt drahtlosen Internet-Zugang. Bei jedem Schritt springen hier zwanzig Grashüpfer auf, und wenn sie gerade nicht springen, imitieren sie sehr naturgetreu den Klang eines zirpenden Modems. Das Zentrum des Camps ist der hohe Sendemast, der das lokale Netzwerk mit dem Internet verspundet. Über die distelreichen Wiesen sind Plastikklohäuschen verteilt, in denen die Kabel aus unzähligen Zelten zusammenlaufen: „Just drop your cables, they will be plugged.“ Die Kabelhäuschen sind mit Aluminiumfolie gegen die Backofenhitze von Hoch „Michaela“ verkleidet und heißen Datenklos. Sie sehen aus, als würde hier ET seine Notdurft verrichten. Der Ton auf dem Camp ist wohltuend selbstironisch. Neben dem Hack-Center übt eine Gruppe den Schwertkampf. Wahrscheinlich, weil der Hackerkodex immer auch mit Ritterlichkeit und dem Weg des Samurai zu tun hat.

Für den Laien scheint es hier vor allem darum zu gehen, auf möglichst vielen Laptops irgend etwas zum Laufen zu bringen. Hauptsache basteln. Und tatsächlich liegt die größte Herausforderung des Camps in der Kunst der Improvisation. Nie sind die Freudenschreie größer, als in jenem Moment, wo plötzlich der Laptop unter dem Schatten spendenden Dach einer Linde mit dem Server neben dem schnaubendem Araberhengst kommuniziert. Für ein Wochenende machen die modernen Robinsons die Wildnis urbar für den Datenverkehr. Zwischendurch nehmen sie ein Bad zwischen züngelnden Wasserschlangen und Algen. Und weil die Hacker eine Männergesellschaft bilden, wird das Nerd-Epiderm am liebsten mit dem Lara-Croft-Handtuch frottiert. Hier zeltet ein Stamm von Bastlern, von High-Tech-Bricoleurs, an denen Claude Lévy-Strauss seine Freude gehabt hätte. Die Hacker gruppieren sich in unterschiedlichen Villages um zwei Konferenzzelte, in denen es mal um sehr Technisches wie Biometric Hacking, mal um eher Dadaistisches wie Nazi-Ufos geht. Die Gesellschaft scheint in Stämmen organisiert, die sich um den sirrenden Totempfahl des Sendemastes gruppieren. Jeder Stamm hat seine ganz eigenen Riten. Die Lockpicker knacken mit feinem Werkzeug Schlösser aller Art, illustrieren damit das Prinzip Hacking sehr bildhaft und laufen nur barfuß. Die Kunstaktivisten der Berliner Untergrundraumstation C-Base tragen gerne schwarze Röcke. Die legendären Cypherpunks aus Kalifornien kraulen sich meditativ ihre vor dem Bildschirm ergrauten Bärte und sind eher unauffällig; - wahrscheinlich wuchert ihr Irokese unter der Kopfhaut.

Weil das Geek-Dasein so abstrakt ist, unterfüttern die Hacker ihr Treiben mit einem bunten Pop-Universum. Wie inspiriert von der Fruchtbarkeit der Natur, verwuchert das Camp zu einem dichten Zeichendschungel, der wie ein Korrektiv zu der unspektakulären Beschäftigung des Programmierens wirkt. Die Code-Schreiber produzieren nicht nur eine Informationsflut, sondern weben um ihren Computer herum dichte Zeichenketten, die jedem Semiologen ein Fest sein müssen: Mao-Fahnen, aufblasbare Handys, Camouflage-Tarps, Lichtinstallationen, die irgendwelche kodierten Signale zu irgendwelchen unbekannten Empfängern irgendwo da draußen senden. Die tragenden Pfeiler dieses fröhlichen Pop-Universums sind Cyberpunk-Autoren wie William Gibson, Bruce Sterling oder Neal Stephenson, angereichert mit ironischen Versatzstücken aus Terminator, Star Wars und Raumschiff Enterprise. Alle Paratexte des Camps, von der Hausordnung bis zum Mahnzettel, sind von vorzüglichem Stil, der vor allem in die Schule von Douglas Adams gegangen ist. In den Goldenen Regeln liest man: „The camping is a horse’s place. So please leave the space as you would like to find it if you where a horse.”

Hinter dem bunten Paravent der Pop-Kultur, unter dieser dicken Schicht von Brandenburgs Fairy Dust wird im Chaos Camp eine sehr ernste Angelegenheit verhandelt. Es geht darum, die immer komplizierteren Technologien auseinanderzunehmen, hineinzuschauen und wieder neu zusammenzusetzen. Das spielerische Basteln hat einen aufklärerischen Impetus. Wer die Technik nicht beherrscht, wird von ihr beherrscht. Hier ist Kant der Geist in der Maschine. Das Aufbrechen geschlossener Systeme ist der Weg aus der technischen Unmündigkeit. Der offenen Gesellschaft stehen offene Systeme zu. Hier kämpft jeder für die Open Source-Bewegung. Jede Software unter Open Source-Lizenz legt ihren Programmcode offen. Technik darf keine Blackbox mit Hintertürchen sein. Es geht nicht nur um Marktmonopole, sondern auch darum, Wissensmonopole zu knacken.

Wer je geglaubt hat, Hacker seien unsoziale, isolierte Wesen, die ihre Allmachtsphantasien am Computer sublimieren, der kann sich auf diesem Camp vom exakten Gegenteil überzeugen. Zwischen Klapperstorch und Breitmaulfrosch lebt noch einmal der gute, alte Hippie-Geist des zivilen Widerstands auf. Woodstock, Version 5.1. Dazu serviert eine Wagenburg-Familie vegane Pizza aus dem selbstgemauerten Ofen, während nackte Kinder unter einem Patchwork-Zelt spielen und die essenden Hacker nach ihren Namen fragen. Die reagieren reserviert, denn gegen Identitätskontrolle sind sie allergischer als gegen Pferdehaare.

Gegen Abend atmet alles auf. Es wird kühler. Ganz von alleine. Niemand hat es geschafft, das Hoch „Michaela“ zu hacken. Bildschirme leuchten aus den Zelteingängen heraus. Jemand trägt seinen irisierenden Laptop vor sich her wie eine Wünschelrute und wird von seinem Freund zurechtgewiesen: „Kannst dein GPS runterfahren. Wir stehen direkt vor dem Zelt.“ Der Mond steht am Himmel wie der zentrale Power-Schalter, der erst sehr spät gedrückt wird.

Morgens, 8.29 Uhr. In den Datenklos dümpeln träge die Bits und Bytes. Ein Schwarzer Milan macht thermische Experimente überm See und verliert trotz starker elektronischer Wellenfelder nicht die Orientierung. Der Brandenburger Himmel ist hoch und weit und übersät mit ineinander verschlungenen Kondensstreifen. Vielleicht wird irgendein Geek seinen Kater damit vertreiben, ein Dekryptierungsalgorithmus zu schreiben, der das konspirative Himmelsmuster entschlüsselt. Stille liegt über dem Lager. Es sieht aus wie ein technisch aufgerüstetes Asterix-Dorf. Das Imperium der Techno-Monopolisten und Überwachungskartelle erstreckt sich über die ganze Welt. Die ganze? Nein. Ein kleines Zeltlager im Osten Berlins leistet Widerstand. 8.30 Uhr. Der launige DJ an der Bar dreht die Regler hoch, sehr, sehr hoch: die Eröffnungsfanfaren von „Star Wars“ jagen die Hacker aus dem Schlaf. Der Milan dreht ab, ein neuer Tag beginnt, die Schlacht geht weiter.

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