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Warwick Collins: "Herren" (FR)

My beautiful Klosett

Warwick Collins Toiletten-Roman "Herren" (FR, 12.04.01)

An der Uferpromenade von Kingston Town, Jamaika, feudeln jeden Abend die Palmwedel die wenigen Cumulus-Wolken vom blauen Himmel. Das hygienische Betätigungsfeld von Ezekiel, Jason und Josiah Reynolds ist prosaischer. Die drei Jamaikaner betreiben eine Herrentoilette in London, ein Dutzend Stufen unter dem Straßenniveau, fast schon im Untergrund. In weiten, kreisenden Bewegungen, immer aus der Hüfte, wischen sie den Kloboden, füllen mehrlagiges Toilettenpapier nach und ledern die Kalkflecken von den Armaturen.

Josiah Reynolds, der Chef. Jason, der coole Rastafari. Ez, der Neue. Die drei Herren mit den biblischen Namen bilden eine Dreifaltigkeit in einem hygienischen Kult um aseptische Duftsteine, Essigreiniger und struppige Klobürsten. In den Pausen halten sie Teestunde im Personalraum der Bedürfnisanstalt. Riecht zwar ein bißchen, aber man ist schließlich in England, und die Wasserspülungen plätschern gerade so idyllisch. Leider ist die Herrentoilette auch ein stadtbekannter Schwulentreff, eine Klappe. Die drei Jamaikaner putzen und schrubben im unheimlich rumorenden Bauch der großen Hure Babylon. Im Drehkreuz am Eingang klimpern die Pennys, in den Kabinen tobt lautlos das Laster. Die Klomänner sind fasziniert und abgestoßen zugleich von den Schwulen, die sie Reptilien nennen.

Collins Romanidee stimmt anfangs wohlgesonnen. Ein Film-Produzent würde sagen, hier schlummert dramaturgisches Potential. Das ethnisch korrekte Gespann hätte eine gute Besetzung für eine leichte, schnelle, schnippische Komödie sein können. Ein kleines, lockeres Kammerspiel zwischen polierten Kacheln, wachsamen Toilettenspiegeln und dünnen Sperrholztrennwänden. Collins hatte sogar die einmalige Chance, ein neues Genre zu erfinden: eine Screwball-Klo-Komödie, ein Duftstein-Vaudeville, ein Wisch- und Schrubb-Ballett, verwegene Urinal-Saturnalien, - was auch immer. Nach den „Drei Damen vom Grill“, den „Drei von der Tankstelle“ und den „Drei Männern in einem Boot“ nun endlich die „Drei von der Klappe“. Doch der Autor hat diese Chance donnernd gen Orkus rauschen lassen. Die Idee, das Setting und die Startposition waren vorzüglich. Die Ausarbeitung ist lieb- und phantasielos. Schon nach zehn Seiten hat Collins seine Vorschuß-Lorbeeren verspielt.

Dabei ist „Herren“ irgendwie gut gemeint: Drei Outcasts werden täglich mit einer sexuellen Randgruppe konfrontiert. Außenseiter im Untergrund. Rasta trifft Mr. Whitey, Hete meets Homo. Come together! Do the right thing! Wirkliches Verständnis zeigt hier nur die jamaikanische Mama nachts um halb eins, wenn nach der Verrichtung der ehelichen Pflichten langsam der chilischarfe Schweiß auf ihrer Oberlippe trocknet. Denn Schwule sind ja auch nur Menschen. Nachts um halb eins. Zu allem dramaturgischen Unsinn wird Ezekiels eigener Sohn im Laufe des dahinplätschernden Blödsinns auch noch Frisör. Und Frisöre sind ja auch alle irgendwie... Menschen oder schwul.

Der Humor der drei kindsköpfigen Herren, die sich ständig entweder „vor Lachen biegen“ oder „schütteln“, beschränkt sich auf halbschlüpfrige Männerwitzchen. Die Klomänner und ihr Autor schrecken in ihrem unterirdischen Refugium auch nicht vor dem schalsten Kaulauer zurück: „Die Reptilien ziehen ihren Schwanz ein.“ Der Rasta Jason ist der König unter die Doofen. Ein „ganz schlimmer Finger“, wie ihm seine Kollegen immer wieder schmunzelnd attestieren. Jason ist praktizierender Rastafari, und was die Brüder und Schwestern aus den Kommunen um Kingston Town und Umgebung von Schwulen halten, ist hinlänglich bekannt. Unter den Dreadlocks und zwischen den Reggae-beschallten Ohren ruht bei Jason nicht viel mehr als dampfender Bullshit. Während seiner Arbeitszeit kniet er auf den kalten Bodenfliesen, lugt unter den Trennwänden in die Kabinen des Lasters und schiebt den Schwulen einen Spazierstocke in den sündigen Hintern. Ein paar Tage später läßt er die Frau vom Aufsichtsamt dran schnuppern, und die gackernde Dreierbande hat ihren Spaß. Chor: „Ein schlimmer Finger.“ Meine Herren! Dann wieder entdeckt der gewitzte Jason ein Loch in einer Klowand, durch das sich die Schwulen gegenseitig befriedigen, und schon biegen sich wieder alle vor Lachen. Lustig ist das Kloputzerleben. In Deutschland gründen solche Männer Skatrunden. Und würden sich bestens mit den anzüglichen Ulknudeln aus Jamaika amüsieren: „Nach einer Weile fragte Ez: `Und was haltet ihr von der Manndeckung bei Arsenal?´ Auf das unbeabsichtigte Wortspiel hin brachen alle in schallendes Gelächter aus.“ Re. Contra.

Daß der blödgekiffte, polygame und gewalttätige Schwulenhasser Jason schließlich auch noch zum integren Heiligen mit afrikanischer Roots-Credibility stilisiert wird, bringt die Kloschüssel zum Überlaufen: „Er hatte Jasons scharf geschnittenes äthiopisches Profil betrachtet, die Rundungen von Stirn und Nase, den Schwung der Augenbrauen, wie die äußeren Merkmale einer fragilen inneren Schönheit. Das Licht umgab ihn mit einem diffusen Glorienschein.“

Sprachlich hat Collins dann auch nicht mehr als solch schnulzige Bedürfnisanstalt-Hagiographie zu bieten. Sein Stil hat gerade einmal eine Lage, wie billiges Klopapier. Sogar das Beleuchtungsrepertoire des lustigen Toilettenstadls ist auf ein, zwei Lichteffekte begrenzt. Ständig glänzen weiße Lichtflecken auf den breiten Wangenknochen der Jamaikaner. Der Autor hat nicht einmal augenfällige Wiederholungen und stilistischen Ticks auf seinen 140 großzügig bedruckten Seiten im Griff. Man verlangt ja nicht gleich literarische Genialität, aber eine erfolgreich absolvierte technische Grundausbildung wäre doch wünschenswert.

Collins Humor kommt und kommt nicht über die kritische Gürtellinie hinaus und schimmelt müffelnd in den Feuchtgebieten augenzwinkernder Schlüpfrigkeit vor sich hin. Zu anarchischer Geschmacklosigkeit fehlte ihm scheint´s der Mut, zu bissiger Gesellschaftssatire offensichtlich das Können. Wenn so der legendäre englische Humor aussieht, sollte sich die Europäische Union schnellstens auf ein Importverbot einigen. Wie hier über Schwule gescherzt und geshakert wird, so albert man sicher auch im katholischen Priesterseminar über verdrängte Homosexualität, wenn der diensthabende Ordinarius gerade auf dem Klo ist. Verglichen mit diesem pubertären Analgegibbel sind landläufige Pissoir-Graffiti noch von erlesener Feinsinnigkeit und sprühen vor Esprit. Nach all dem blöden Gegacker und Scherzgekekse endet die schematische, schablonenhafte Sexualposse in versöhnlich gospelnder Toleranz.

Es ist nicht einzusehen, warum man dieses lieblos und ungeschickt skizzierte Treatment zu einer englischen Sozialkomödie als Roman verkaufen muß. Das kurze Stück „Herren“ taugt nicht einmal als Vorlage für integratives Jugendtheater in sozial prekärem Milieu. Das ist weder schneller Boulevard, noch schnippisch-geistreiches Vaudeville, sondern einfach billige Teaser-Literatur, die auf provokative Anmache setzt und einen dann unbefriedigt stehenläßt. Warwick Collins peinlicher Roman ist ein ärgerlicher Griff ins Klo. Zum Abwischen.

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Warwick Collins: Herren. Roman
Aus dem Englischen von Thoams Mohr
Verlag Antje Kunstmann, München 2001
139 S., XX, YY DM

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