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Andreï Makine: "Russisches Requiem" (FAZ)

Zwackende Achselholster und kaukasische Buttermilch

Andreï Makines spionierender Erzähler intoniert ein schiefes "Russisches Requiem" (FAZ, 13.10.01)

Der Spion kommt aus der Kälte. Kaukasus. Die Welt ist unübersichtlich, allerorten hat sich das Chaos an die Regierung geputscht, doch der desillusionierte Spion trägt es mit Fassung. Er hat schon so einiges gesehen. Tief im Permafrost seines Herzens ruht die Erinnerung an seine kaukasische Heimat, seine hingerichteten Eltern und „die im Mondschein bläulichen Bäume“. Der Feind kann ihm alles nehmen, Waffen, Akten, Doppelpässe. Er könnte ihn foltern, demütigen, erniedrigen. Aber an den inneren Mondschein und die bläulichen Bäume wird er niemals kommen. Die Erinnerung ist eine bessere Verteidigungswaffe als laserfeuernde Kugelschreiber, projektilspuckende Armbanduhren oder Anstecknadeln mit mikroskopischem Giftreservoir.

Der Sowjetspion ist nicht allein. An seiner schattigen Seite kundschaftet die Sowjetspionin. Und wenn am Ende eines Tages, an dem der kalte Krieg mal wieder ziemlich heißgelaufen ist, die letzten Schüsse der Guerilla in den umkämpften Sackgassen verhallen, wenn das letzte panzerbrechende Geschoß in den Sandsack dringt, dann legen sich die Spione nebeneinander in den engmaschigen Schattenwurf ihres Moskitonetzes. In der Schwüle der tropischen Nacht schmilzt dann die erste Schicht ihrer frostigen Herzen, und flüsternd teilt das Paar seine taufrischen Erinnerungen. Ansonsten sind ihre Dialoge geopolitischer Natur. Küsse im Sperrfeuer, Polittalk in der Sperrstunde. Im Laufe der globalen Abenteuer wird das Paar getrennt. Von nun an ist der Spion auf der Suche nach seiner Spionin.

Andreï Makines kaukasischer Nachrichtendienstler ist ein elegischer Ich-Erzähler. Den Verlust der Spionin, die er liebte, kompensiert er durch offensive Erinnerungsarbeit. Sein Requiem adressiert er an die abwesende Geliebte und versucht noch einmal, alle gemeinsamen Abenteuer heraufzubeschwören. Die Wir-Akte. Erinnernd hangelt er sich den Familienstammbaum herab, arbeitet seine Vergangenheit bis ins dritte Glied mütterlicherseits auf und zeichnet dabei ein polychromes Tableau sämtlicher Kataklysmen und Konvulsionen des vergangenen Jahrhunderts. Das sind nicht wenige. Das Requiem ist ein Abgesang auf eine untergehende Welt und die vermißte Geliebte. Die Agenten eines zerberstenden Reiches werden zur Chiffre für die sinnlose Geworfenheit aller Menschen hienieden.

Makine projiziert Kriegswirren, Schlachten, Grabenkämpfe, tränentreibende Wiedersehensdramen und rührselige Rückkehrertragödien in seine Breitwandprosa. Es knallt und kracht effektvoll. Blut fließt in Strömen, Bajonette blitzen, Kugeln pfeifen. Zwischen den Zeilen ziehen die Panzerketten ihre Spuren. Im Eifer eines Hubschraubergefechtes gehen schon einmal die Metaphern durcheinander: „In deinem Ohr brannten die Wahrheiten, die ich in die unerträgliche Finsternis dieses fliegenden Friedhofes gemeißelt hatte.“ Brennende Wahrheiten in Marmorohren auf Nachtflug über unerträglichem Friedhof: Mehr als drei knatternd vernietete Bilder in einem Satz bringen auch den kräftigsten Lastenhubschrauber zum Absturz.

In seinem früheren Leben war der Spion Militärarzt. Diese Zeit gibt Makine Gelegenheit, dem Leser einen Blauhelm voller Front-Doktoren-Kitsch vor die Füße zu werfen. Der Mediziner ist ein toller Hecht, die Krankenschwestern können ihm nicht widerstehen. Liebesgrüße aus dem Verbandkasten. Insgesamt ist das Kriegstreiben verabscheuenswürdig in höchstem Maße. Kraft gibt nur der Anblick der geliebten Frau im Präventivkampf gegen die tropische Mücke: „Eine Frau, die in einer von Tod erfüllten Nacht einen Riß im Moskitonetz flickte. Ich fühlte, daß alle Zeugnisse, die ich hätte beibringen können, von der Wahrheit dieses Augenblickes übertroffen wurde, den du dem Wahnsinn der Menschen abgerungen hattest.“ Was der Mann im Gefecht zerfetzt, muß das Weib wieder zusammennähen. Danach folgt die unvermeidliche Liebesszene mit anschließendem geostrategischen Bettgeflüster. Tbilissi, mon amour. Spärlich erleuchtet vom apokalyptischen Flackern der Geschütze ertasten die Agenten ihre Narben aus vergangenen Gefechten. In der Frauenrolle drängt sich die rehäugige Juliette Binoche auf, die in fließendem Feinstrick ihren kaukasischen Melancholiepatienten umhegt.

In den Kriegsszenen reiht der friedensbewegte Makine einen Gewalt-Schocker an den anderen, und huldigt der gleichen provokativ-konventionellen Hochglanzästhetik wie die umstrittene Benetton-Werbung. Noch einmal wird die knatternde, rostige Maschinerie der Anti-Kriegsprosa bemüht. Wunderbar die Kameradschaft, widerwärtig die Verletzung. Intensiv ist auch die Freundschaft des Landsers zum treuen Schlachtroß: „Dabei brauchte er nur zu pfeifen, das Pferd hörte ihn noch im Lärm eines Lagers von tausend Mann und zahllosen Tieren und kam zu ihm gelaufen... Deshalb hatte Nikolai es Fuchs genannt und ihm bald jene bittere Zuneigung entgegengebracht, die im Schlamm und im Gemetzel der Kriege aufkeimt.“ Tröstlich auch der immergleiche Sternenhimmel, der sich zitternd in den breiten Grenzströmen spiegelt, seit Ewigkeiten schon, ungeachtet aller Wappen, die diesseits oder jenseits des Ufers am Grenzpfahl prangen. Der Autor im humanitären Großeinsatz läßt noch einmal alle verfügbare Kriegsmetaphorik antreten.

Makines Gesinnung ist lobenswert, seine Prosa altbacken und sein Stil rundum gepanzerter Edelkitsch. Die Gesichter der unschuldigen Kinder sind hochreflektierend, meist spiegeln sie gleich das ganze Universum: „Das Kind war noch wach, doch es weinte nicht. Das Sternenlicht schimmerte ein wenig auf de kleinen Stirn.“ Die internationalen Gschaftlhubereien der Nachrichtendienstler werden vor dem Hintergrund eines PR-Diaporamas für Dr.-Tigges-Reisen inszeniert. Großartig und erhaben ist Mutter Natur, pervers und kriegstreibend der raffgierige Mensch. Im Westen nichts Neues. Trotz seines guten Vorsatzes fällt einem bei Makine jene unglaubwürdig altersweise Ausstrahlung auf, die bei jungen Männern hervortritt, wenn sie über einen Weltkrieg schreiben: „Trotz seines grauen Haares fiel mir in seinem Gesicht jene jugendliche Ausstrahlung auf, die bei älteren Männern hervortritt, wenn sie in Todesgefahr schweben.“

Andreï Makine wurde in Sibirien geboren, lernte dank seiner französischen Großmutter Französisch und schreibt nun in der Sprache seiner Großmutter. In seinem russischen Requiem wärmt er noch einmal alle unseligen Gemeinplätze über die französische Sprache auf. Ihr Trostpotential ist unermeßlich: „Doch das Lied hat seltsam schöne Wörter ohne Bedeutung. Aus einer Sprache, die er nie gehört hat, die ganz anders ist als die seiner Eltern. Eine Sprache, die man nicht verstehen mußte, in deren wiegendem Rhythmus und samtweichen Klängen man nur einzutauchen brauchte.“ Im Ernstfall rettet Französisch schon mal das Leben: „Und nur, um deinen Wunsch nach Wahrheit nicht verhallen zu lassen, erzählte ich dir von der Angst jenes Jungen irgendwo in den Bergen, die Welt zu begreifen, seiner Weigerung, die Dinge zu benennen, und wie er durch die Melodie einer fremden Sprache gerettet wurde.“ Quelle niaiserie! Das faselnde Pathos dieser ontologischen Wahrheitssucher steht der Verschmocktheit einer solchen Sprachverkitschung in nichts nach.

Seit 1987 lebt der Autor in Paris und biedert sich bei der Sprache seines Gastlandes in einem Maße an, als schielte er auf einen gemütlich knarzenden Platz in der Académie française. Mit seiner reaktionären, hundertjährigen Poetik hat er alle Chancen auf eine baldige Ernennung. Manchmal schimmert durch die schalen satirischen Anstrengungen, was der Autor von moderner Kunst hält: „Der ganze Westen lag in verzückter Heuchelei vor ein paar dünnen Klecksen, die als Geniestreich zu gelten hatten.“ Neben einer etwas originelleren Gesellschaftskritik darf man von einem Exil-Autor auch eine sprachlich inspiriertere Analyse des Kremls verlangen, als die übliche kanzerologische Diagnose: „Jene Jahre, in denen sich der Kreml in ein großes, mafiöses Geschwür verwandelte, dessen Metastasen das ganze Land unterhöhlten.“ Diese Klischeemetastasen scheinen auch die Sprache zu unterhöhlen.

Makines Roman ist in Sprache, Struktur und inszeniertem Weltbild so banal und stereotyp, daß sich das ästhetische Empfinden fast gezwungen sieht, sich dagegen mit einem Klischee zur Wehr zu setzen: hinter dem Text sieht der Leser einen rührseligen Exilrussen mit folkloristischem Gemüt, der sich in seiner Sehnsucht nach Mütterchen Rußland suhlt und über den sinnlosen Weltenlauf schwadroniert. Makine stellt seinem russischen Requiem ein böses Zitat von Nietzsche voran: „´Böse Menschen haben keine Lieder.´- Wie kommt es, daß die Russen Lieder haben?“ Lieder schon. Aber in diesem Falle ein gar schnulziges. Die Geburt des poschlost aus dem Klangkörper der Balalaika.

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Andreï Makine: Russisches Requiem. Roman
Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2001, 286 S., XX,YY DM

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